Einträge von: November 2011
Die Tücken des Digitalfernsehens
25.11.2011 | Autor: birgitfuss | in: TV-Fußnoten
Wie alt man sich fühlt, ist längst keine Frage der Falten mehr. Es kommt darauf an, welche Fernsehsender man mag. Relativ betagt wirkt man, wenn man das drohende Ende von “Wetten, dass..?” bedauert und sich nicht vorstellen kann, dass es irgendwann kein “Traumschiff” mehr gibt (oder gar bei der Jubiläumsfolge Sascha Hehn vermisst hat). Da kann man so viele moderne Serien schauen, solche Nostalgien kennt einfach keiner unter – sagen wir gnädigerweise – 25. Es gibt ja jetzt schon kaum noch generationsübergreifende Sendungen oder sogenannte “Straßenfeger”, und in ein paar Jahren wird jeder noch viel mehr Auswahl haben, als Bruce Springsteen es schon vor Jahren beschrieben hat: “57 Channels (And Nothin’ On)”. Wer sich daran erinnert, welche Befürchtungen und Hoffnungen der Start des Privatfernsehens 1984 hervorgerufen hat, der weiß zwangsläufig auch noch, wie das Leben mit vier bis fünf Sendern war. Nicht schön, um das gleich mal hinzuzufügen, aber eben auch irre gemütlich.
Wie lange wird es wohl dauern, bis wir (also ältere Leute über 25, 35 oder so) uns an all die Sender gewöhnt haben, die per Digitalfernsehen ins Haus kommen? Inzwischen weiß ich TNT, AXN und SyFy sehr zu schätzen, aber ich verstehe sie nicht ganz. Da kommen manche Serien dreimal in der Woche, wobei zweimal eine Wiederholung der letzten Woche läuft, gern auch direkt vor der neuen Folge – und wenn man mal ein bisschen zu spät entdeckt hat, dass etwas überhaupt im Programm ist, fängt die Staffel auch schon wieder von vorne an – wie gestern bei “Californication”. Ich hatte das Gefühl, erst ein paar Folgen gesehen zu haben, da ging das Elend von neuem los. Ebenso bei “Nurse Jackie”. Sicher ein altmodischer Gedanke, aber: ein paar Monate lang jede Woche um 20.15 Uhr einschalten, das würde mir mehr Spaß machen als diese ständigen Unterbrechungen.
Auch nehme ich gern Serien auf, wenn ich mal nicht zu Hause bin. Versucht man das bei “Californication” oder “Game Of Thrones”, selbst beim eher harmlosen “Haven”, dann sieht das Bild 45 Minuten lang so aus: “Bitte geben Sie ihren Jugendschutz-PIN-Code ein!” Und sonst nichts. In meinem Haushalt wohnt keine Jugend, die geschützt werden muss, doch ein Anruf bei Kabel Deutschland ergab: Aufnehmen funktioniert nur mit eingebautem Festplattenrecorder, nicht mit meinem externen, weil der PIN-Code gesetzlich vorgeschrieben ist und nicht abgestellt oder sonstwie überlistet werden kann. Verstehe ich nicht. Man kann doch auch DVDs ab 18 erwerben, und keiner überprüft, ob man sie zu Hause vor den Kindern versteckt. Aber wenn ich Digitalfernsehen haben will, muss ich den Jugendschutz mitkaufen. So läuft am Ende doch wieder alles auf DVD-Boxen hinaus – immer noch der größte Sehspaß. Wie lange wohl? Wenn es demnächst nur noch BluRay gibt, was wird dann aus all meinen DVDs? Bitte erst umstellen, wenn ich aufgehört habe, von Euro auf D-Mark zurückzurechnen.
Tags: Californication · Game Of Thrones · Haven · Nurse Jackie · Traumschiff · Wetten dass...?
Romantik statt Gänsekeulen
10.11.2011 | Autor: birgitfuss | in: TV-Fußnoten
Morgen ist Martinstag, aber in Berlin gibt es gar keine Gänse und auch keine Knödel. Das ärgert mich jedes Jahr, obwohl ich gar nicht katholisch bin. Aber momentan beschäftigt mich ein anderer Typ im Mantel sowieso viel mehr. Endlich gibt es die DVD-Box zu “Die Schöne und das Biest” – seit Jahren warte ich darauf. Nur in Holland erhältlich, aber egal. Die deutsche Synchronisation war zwar gut, der Originalton ist aber noch viel besser, und die holländischen Untertitel kann man zum Glück wegdrücken.
Ja, ich gebe es zu: Mein erster Traummann, Ende der 80er-Jahre, als ich noch ein Teenager war, war gar kein Mann, sondern ein halbes Tier. Nein, ich meine nicht Nikki Sixx. Es war eine Fernsehfigur, die Ron Koslow erfunden hatte: Vincent! Die Serie “Die Schöne und das Biest”, die nichts mit Disney-Quatsch zu tun hat, erfüllte Kindheitswünsche, man durfte sich beim Anschauen aber trotzdem wie ein Erwachsener füllen. Das gelang keiner anderen. Da war der Traum von einer besseren Welt: Während oben in New York City Verbrecher wüteten, korrupte Politiker ihr Unwesen trieben und die Reichen wieder mal alles unter Kontrolle hatten, gab es weit unten, noch unter der U-Bahn, eine Gemeinschaft von freundlichen Außenseitern. Sie lebten in (gar nicht so ungemütlich eingerichteten) Tunnels und gaben auch einem Wesen wie Vincent eine Chance. Vincent! Halb Mann, halb Löwe – und dabei das Beste beider Welten. Mit seiner Kraft und den großen Pranken konnte er seine geliebte Catherine (Linda Hamilton) jederzeit beschützen. Er spürte ja auch immer sofort, wenn sie in Gefahr war – und als Staatsanwältin war sie das dauernd. Dann rannte er durch die Unterwelt, kletterte Fassaden entlang und verschreckte die Angreifer oft schon durch sein Gebrüll so, dass er sie gar nicht arg verletzen musste.
Nur Ron Perlman konnte diesen Vincent spielen. Er hatte nicht viele mimische Möglichkeiten, um seine Leidenschaft und Verzweiflung darzustellen, also tat er es mit traurigen Augen und geheimnisvoller Stimme. Vincent las Catherine wunderbare Gedichte vor, von Shelley und Lord Byron, Wordsworth und Rilke. Schon damals befürchtete ich, dass das in der Realität kaum ein Mann machen würde, aber ich lernte viele klassische Dichter kennen. Shakespeares Sonette klangen nie schöner, besonders dieses hier:
“When in disgrace with Fortune and men’s eyes,
I all alone beweep my outcast state,
And trouble deaf heaven with my bootless cries,
And look upon myself and curse my fate,
Wishing me like to one more rich in hope,
Featured like him, like him with friends possess’d,
Desiring this man’s art, and that man’s scope,
With what I most enjoy contented least.
Yet in these thoughts myself almost despising,
Haply I think on thee, and then my state,
Like to the lark at break of day arising
From sullen earth, sings hymns at heaven’s gate;
For thy sweet love remembered such wealth brings
That then I scorn to change my state with kings.”
Perlman bekam unzählige Werbeangebote als Vincent, nahm aber keines an, um den Charakter nicht zu korrumpieren. “He’s not there to be exploited”, sagte er damals. Deshalb gab es keine Shampoo-Reklame, obwohl Vincent eine schönere Mähne hatte als alle Hair-Metal-Typen zusammen. Es gab nur eine Schallplatte, auf der Perlman all die Gedichte vortrug, die er auch in der Serie gelesen hatte. (Heißt “Of Love And Hope”. Habe ich noch unter meinen alten Alben gefunden, zwischen Poison und Cinderella.) Anders als viele 80er-Jahre-Serien kann man “Die Schöne und das Biest” heute noch gucken, ohne dass einem Catherines Klamotten oder die Bronx-Klischees peinlich sind. Darum geht es hier einfach nicht. Es ist eine der wenigen Serien, in denen Traum und Wirklichkeit ineinanderfließen, ohne dass billige Fantasy oder kitschiger Trash herauskommen. Bitte, Ron Koslow, lass die Gerüchte um eine Neuauflage nicht wahr werden. Man mag sich gar nicht vorstellen, wer dieses Paar heutzutage spielen würde. Nein, ich kann mich nicht mal dazu durchringen, irgendeinen Namen hinzuschreiben.
In einer einzigen Folge laufen Vincent und Catherine gemeinsam durch die Stadt, in der Nacht, in der die Wand zwischen den Welten durchlässig wird. Als der Morgen graut, sitzen sie immer noch im Park, ein Jogger läuft vorbei und erschrickt, als er das Löwengesicht sieht. “Halloween ist vorbei!” ruft er, und Vincent geht zurück in den Tunnel – gebeugt, nicht gebrochen. Die Liebe bleibt. Romantischer kann der Herbst nicht mehr werden.
Tags: Die Schöne und das Biest · Linda Hamilton · Ron Koslow · Ron Perlman
Glamrock -Nostalgie bei “Californication”
04.11.2011 | Autor: birgitfuss | in: TV-Fußnoten
Teenager, die rebellieren wollen und ein bisschen musikalisches Talent haben, müssen eine Band gründen. Das ist einfach so, immer so gewesen. Im besten Falle werden sie zu Stars an ihrer Schule, im schlimmsten noch größere Außenseiter. Die Eltern sind dann peinlich berührt oder stolz, je nach Situation. Momentan erwischt es in “Californication” (donnerstags bei AXN) Hank Moody: Ständig rennt er zu Auftritten von Tochter Becca, dazwischen versucht er erfolglos, sie vom Kiffen und Trinken abzuhalten. Er ist halt selbst kein gutes Vorbild!
Beccas Band ist allerdings eine Schau. Die Queens Of Dogtown sehen aus wie kleine Grufties und spielen die lustigste Mischung aus Grunge und Glamrock, die man sich vorstellen kann. Neulich überraschten sie mich schon mit einer krachenden Version von “Would?” – ein Song, den Alice In Chains schrieben, bevor diese Mädchen überhaupt geboren wurden. Zuerst fand ich das unrealistisch, aber dann fiel mir wieder ein, dass die Schülerbands, die ich in den 80er-Jahren kannte, fast ausnahmslos “Everybody Needs Somebody” und “Sweet Home Alabama” im Programm hatten – Songs also, bei denen schon ihre Eltern mitsangen.
Gestern erreichte die musikalische Nostalgie ihren (vorläufigen) Höhepunkt. Die Queens Of Dogtown begannen:
“Woke up to the sound of pouring rain
The wind would whisper and I’d think of you …”
Das kenne ich! Da kenne ich jedes Wort!
“And all the tears you cried, that called my name
And when you needed me I came through …”
Mist, wer ist das noch mal? “Powerballade” nannte man das damals! Ich höre in meinem Kopf eine hohe Männerstimme, kein Gekreische, aber fast.
“I paint a picture of the days gone by
When love went blind and you would make me see
I’d stare a lifetime into your eyes
So that I knew you were there for me
Time after time you were there for me …”
Jetzt habe ich’s! Sebastian Bach! Skid Row! “I Remember You”! Habe ich geliebt, 1989. Gott, ist das kitschig, aber es passen immer noch verdammt gut nach Los Angeles (auch wenn die Band aus New Jersey kam). “Californication” ist natürlich sowieso eine direkte Ableitung vom Hedonismus des 80er-Jahre-Glamrock (mit dem Grunge-Nihilismus obendrauf), auch das viele der supercoolen Hanky-Moody-Anhänger wohl nicht hören wollen. Aber die erkennen Skid Row ja gar nicht.
Am Ende der Episode saß Moody dann in einer Bar (wahrscheinlich im Chateau Marmont), und im Hintergrund spielte ein tätowierter Typ am Piano einen Song, den ich sofort erkannte: “Home Sweet Home” von Mötley Crüe. Es war Tommy Lee.
“My heart’s like an open book
For the whole world to read
Sometimes nothing keeps me together at the seams…”
Wenn das nicht Hank Moodys Leben ist!
Tags: Californication
„Amerika war immer voll von Leuten, die Hemingway sein wollten.“ Interview mit Eliot Weinberger (2)
03.11.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Allgemein
In der aktuellen Ausgabe des ROLLING STONE gibt es ein kleines Porträt des New Yorker Essayisten, Übersetzers und Lyrikers Eliot Weinberger. Das zugrunde liegende Gespräch gibt es hier in zwei Teilen.
Teil 2
Sie haben mal in einem Interview gesagt, ihr Stil sei schon vollständig entwickelt gewesen, als Sie 12 Jahre alt waren.
EW: Oh ja, das war eine komische Erfahrung. Vor ein paar Jahren sind meine Eltern gestorben. Und in ihrem Haus habe ich einige Texte gefunden, die ich mit 12 geschrieben habe. Ich hatte einen wundervollen Lehrer an der Junior High School, der in der Mitte des Schuljahres rausflog, weil er angeblich ein Kommunist war. (lacht) Ich habe zwei Sachen für ihn geschrieben. In der einen ging es um Atombunker, in der anderen um die John Birch Society. Kennen Sie die?
Ja, aus einem Bob-Dylan-Song. Die rechten Kommunistenjäger in den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern, die sich nach einem von chinesischen Kommunisten ermordeten Missionar benannten.
Genau. Die galten – so wie heute die Republikaner – als vollkommen verrückt. Eisenhower und Nixon haben sich über die lustig gemacht. Ich habe jedenfalls diese beiden Texte wiedergefunden, die ich damals geschrieben hatte, und war fasziniert von der Tatsache, dass mein Stil sich überhaupt nicht verändert hat. Es kam mir vor, als hätte ich sie am Tag zuvor geschrieben – nur mein Wortschatz hat sich in all den Jahren etwas erweitert. Irgendwie deprimierend. Aber das ist meine Antwort auf Harold Blooms Einflussangst. (lacht)
Sie haben ja tatsächlich für Ihre Essays eine ganz eigene Form gefunden.
Wohl, weil mein Schreiben seine Wurzeln eher in der Lyrik hat. Die zwei Bücher, die mir als Teenager gezeigt haben, welche Möglichkeiten die Essayform bietet, waren D. H. Lawrences „Studies in Classic American Literature“ – eine Reihe von Essays über Melville, Whitman etc, geschrieben in diesem unglaublichen, quasi ekstatischen Stil. Und Artauds „Le Théâtre et Son Double” – allein die Idee, ein Buch über das Theater zu schreiben und mit einem Pestschiff zu beginnen, fand ich fantastisch. Die amerikanische Literatur hatte nie eine Avantgarde des Essays. Da hat sich seit dem 18. Jahrhundert kaum etwas verändert. Das schien für mich vollkommen unerforschtes Territorium. Es gab viele Möglichkeiten, was man mit dieser Form anstellen konnte.
Mir fällt gerade noch jemand ein, der einen ganz eigenen Zugang zu dieser Form gefunden hat: William T. Vollmann.
Ja, er ist sicher ein Spezialfall. (lacht) Vollmann kommt eher aus dem New Journalism der Sechziger und Siebziger. Er erinnert mich an Hunter S. Thompson.
Was ich an Vollmann so interessant finde, ist die Rolle, die er selbst in seinen Texten einnimmt. Er gibt sich – trotz einiger brillanter Gedanken –, nicht als der Intellektuelle, der über den Dingen steht, sondern strahlt etwas Gefährliches, fast Prolliges aus. Kein Typ, mit dem man sich gerne zu einer netten Abendessen mit gepflegter Konversation verabreden würde.
Das kann man wohl sagen. (lacht) Vor allem, wenn er seine Knarre rausholt. Das hat er wohl bei einigen Lesungen gemacht. Aber das ist seine Hemingway-Rolle. Amerika war immer voll von Leuten, die Hemingway sein wollten. Vollmann ist sicher eine sehr besondere Hemingway-Inkarnation.
Sie schreiben ja viele Ihrer Texte mit dem Wissen, dass sie anschließend in Übersetzung erscheinen – hat das einen Einfluss auf Ihr Schreiben?
Das hängt natürlich davon ab, was ich schreibe. Wenn es etwas Politisches ist, denke ich schon daran und versuche einige Referenzen ein bisschen allgemeingültiger zu machen, als wenn ich für ein amerikanisches Publikum schreiben würde.
Wie läuft das bei den Übersetzungen Ihrer Bücher – „Orangen! Erdnüsse!“ zum Beispiel: Standen Sie da in Kontakt mit dem Übersetzer Peter Torberg?
Peter ist ein sehr interessanter Fall, denn er stellt mir nie eine Frage. Er hat schon mein erstes deutsches Buch „Kaskaden“ übersetzt. Und dort gibt es einen Text über den ersten Isländer, der nach Indien geht. Im 17. Jahrhundert. Der Originaltext hat sehr viele archaische Bezeichnungen von Schiffsteilen, und ich dachte, das dürfte schwer zu übersetzen sein. Also habe ich ihm schließlich geschrieben und gefragt: Wie bist du mit diesem Text klargekommen? Und er schrieb zurück: „Kein Problem, ich habe ein nautisches Deutsch-Englisch-Wörterbuch aus dem 18. Jahrhundert.“ Da dachte ich: Okay, den muss ich nicht mehr fragen. (lacht)
Ihre Essays haben – egal, ob in der Übersetzung oder im Original – ein ganz eigenes Tempo. Diese Texte bremsen einen, es ist fast eine meditative Erfahrung, sie zu lesen. Es ist vollkommen unmöglich, sie sich in der U-Bahn oder im Bus vorzunehmen. Am besten liest man sie vor dem Einschlafen.
Das ist mein Ideal eines Lesers: Jemand, der ins Bett geht, ein paar Seiten liest und einen fabelhaften Traum hat.
Klingt wie der Anfang einer Borges-Erzählung.
Oder wie ein Gedicht.
Ein faszinierender Text in „Orangen! Erdnüsse!“ handelt von ihrem Treffen mit dem chinesischen Dichter Gu Cheng und seiner Frau Xie Ye, die er einige Zeit später mit der Axt tötete, bevor er sich selbst erhängte. Ein exzentrischer und sehr unangenehmer Mensch anscheinend. Hat dieses Treffen Ihre Sicht auf sein Werk verändert?
Gu Cheng ist vermutlich der radikalste chinesische Lyriker überhaupt. Jemand, der ein Werk schuf, das sich mit keinem anderen vergleichen lässt. Gerade bei Schriftstellern ist es oft so, dass die Radikalsten von ihnen sich als komplett ausdruckslose, farblose Menschen entpuppen. William S. Burroughs ist da ein gutes Beispiel. Er trug immer seinen grauen Anzug, redete kaum und alles, was interessant an ihm war, war in seinem Kopf und blieb dort auch. Gu Cheng dagegen war auch als Person ein ziemlicher Exzentriker. Er trug immer diesen kegelförmigen Hut, der aus dem abgeschnittenen Hosenbein einer Jeans bestand. Selbst beim Schlafen. Weil er nicht wollte, dass seine Gedanken den Kopf verlassen.
Ein bisschen wie David Foster Wallace, der immer ein Bandana trug, um seine Gedanken beisammen zu halten.
Ob er wohl auch damit geschlafen hat? Tschaikowski legte sich immer die Hand an den Kopf, weil er Angst hatte, der könnte sonst runterfallen.
Und Flaubert dachte, er wäre in einem Zustand ständiger Verblödung. Deswegen schrieb und schrieb und schrieb er, um möglichst viel zu schaffen, bevor er vollkommen vertrottelt war.
Das geht uns doch allen so. Warten Sie nur ab, bis Sie in mein Alter kommen. (lacht)
Sie als New Yorker muss ich das fragen: Kannten Sie Harold Brodkey?
Wie kommen Sie denn auf den? Meine Güte, ja. Der größte Hype, den es jemals in der Literaturszene gab. Quasi die Entsprechung zu Jonathan Franzen heute. Ich dachte, der wäre längst vergessen.
Ich fand seinen Fall immer sehr interessant.
Fall ist das richtige Wort. In den Fünfzigern hat er einen Erzählungsband geschrieben, der von der Kritik gelobt wurde. Und dann kam nichts mehr. Doch egal, wo man hinkam, die Leute redeten vom großen Roman, an dem er angeblich arbeitete. Auch Harold Bloom hat ihn verehrt. Ich habe Brodkey in den Achtzigern mal bei einer Lesung erlebt. Er las drei Seiten, dann kullerten ihm Tränen über die Wangen, und er sagte: „Entschuldigen Sie, ich kann nicht weiterlesen. Dieser Text ist einfach zu schön.“ (lacht)
Sie sind an der amerikanischen Gegenwartsliteratur nicht besonders interessiert. Die würden sowieso alle immer nur über ihre Scheidungen schreiben, haben Sie mal gesagt.
(Lacht) Ja, es heißt ja immer, die Leute sollen über Dinge schreiben, die sie kennen. Aber das sehe ich ein bisschen anders. Mich interessiert das Fremde.
Wann begann Ihre Faszination für China?
Als ich ein Kind war. Ich hatte ein Buch von einem deutschen Autor, der wundervolle Kinderbücher über China schrieb. Eines hieß „Auch du kannst Chinesisch schreiben“ oder so. Dort beschreibt er, wie der bildliche Teil der chinesische Ideogramme funktioniert. Ich habe die Idee einer anderen Sprache aus Bildern schon damals geliebt. In meinen Zwanzigern habe ich Chinesisch studiert, dann ging ich nach Indien. Dort verbringe ich immer noch viel Zeit. Besonders im Winter. Viele meiner Texte haben dort ihren Urspung – in Erfahrungen, Gesprächen.
Trotzdem vermeiden Sie es, über Ihre Erfahrungen in der ersten Person zu berichten.
Ich finde mich einfach nicht so interessant. Deswegen hab ich kaum über mich geschrieben. In den USA denkt man, der Essay sei immer der sogenannte personale Essay. Ich habe mich quasi daraus eliminiert.
Auch Popkultur kommt kaum vor in Ihren Texten.
Ich frage mich auch, warum das so ist. Ich bin ganz sicher ein Filmfreak, aber ich habe nie wirklich gelernt, darüber zu schreiben, wenn man von einem Text über ethnographische Filme absieht. Aber das ist was anderes. Ich habe noch nie versucht, über Musik zu schreiben. Ich weiß auch nicht, wie das geht. Wo ich mich wirklich gut auskenne – und das geht dann schon ins Nerdige – ist afro-amerikanische Musik zwischen 1955 und 1975.
Irgendwann ist Popkultur ja auch zur Normalität geworden, dadurch hat sie viel ihrer Kraft verloren.
Es ist seltsam, das Buch, das fast alle US-Teenager, die sich noch für Literatur interessieren, gelesen haben, ist „On The Road“. Die Beats leben, und die Musik der Sechziger lebt. Auch junge Leute hören das. Das ist in etwa so, als wenn meine Generation in den Sechzigern Dixieland gehört hätte. Einer der Gründe ist wohl, dass Heranwachsende nun mal Rebellen – bad boys, und bad girls – lieben. Und in dieser Zeit gab es die letzten authentischen Vertreter dieser Spezies. Die heutigen bad boys haben einen Multimillionendeal mit irgendeinem Konzern und leben in irgendeinem Herrenhaus, so wie 50 Cent, der in einer Villa im bourgeoisen Connecticut lebt. Rebellen sind heute das Produkt von Marketingstrategien. Junge Leute verstehen das intuitiv und gehen daher in der Zeit zurück, um bei den tragisch-verstorbenen Typen aus den Sechzigern nach Authentizität zu suchen.
Aber alles, gegen das diese Leute einst rebelliert oder scheinbar rebelliert haben, ist doch eh verschwunden. Ihr Verhalten zu kopieren bedeutet doch eigentlich, vollkommen konform mit den Werten unserer Gesellschaft zu leben.
Ja, all die wilden Dinge, die die Beats getan haben, sind nun Teil des konsumgesellschaftlichen Mainstreams. Wenn man Kerouac liest: „Wow, nun trinken wir einen Rotwein, wie rauchen Pot und haben Sex, obwohl wir nicht verheiratet sind.“ (lacht) Aber es geht um das Sentiment.
Sie haben in einem Ihrer Texte festgestellt, dass der Irakkrieg in den Künsten kaum Spuren hinterlassen hat.
Das stimmt. Es ist kein erinnerungswürdiges Gedicht entstanden, kein erinnerungswürdiger Song. Vor allem, wenn man sich anschaut, wie viele bedeutende Gedichte und Songs vom Vietnamkrieg inspiriert wurden.
Hat das auch damit zu tun, dass der Irakkrieg – mit dem Wissen aus dem Vietnamkrieg – von der US-Regierung vollkommen anders inszeniert wurde?
Das spielt bestimmt eine Rolle – sicher aber auch einfach die Tatsache, dass es keine Einberufungen mehr gibt, deshalb muss niemand mehr befürchten, gegen seinen Willen ins Kriegsgebiet eingezogen zu werden.
Hätte es denn überhaupt jemand gemerkt, wenn ein bedeutendes Gedicht über den Irakkrieg geschrieben worden wäre? Lyrik läuft doch heutzutage unter ferner liefen.
Lyrik hat keinen Einfluss mehr, weil es so viel davon gibt. Es gibt ein „Directory of American Poets“, das um die 10.000 publizierte Lyriker aufführt. Als ich 18 oder 20 war, gab es nicht so viele davon, und ich kannte sie alle. Der Grund für diese Explosion liegt in den Creative-Writing-Schulen. Man kann eine komfortable Mittelklasse-Karriere machen, wenn man Creative Writing unterrichtet. In seiner Jugend hat ja jeder Lyrik geschrieben, aber früher kam irgendwann der Punkt, an dem man sich einen Job suchen musste. Da haben sich dann die meisten gegen die Dichtung und für das Geld entschieden. Heute geht beides. Und das führt dazu, dass es immer schwieriger wird, gehört zu werden. Besonders in jungen Jahren. In den Sechzigern gab es die berühmte Anthologie „The New American Poetry“. Fast jeder, der da drin ist, war unter 30 oder in den frühen Dreißigern. Innerhalb der Literaturszene waren alle von ihnen ziemlich bekannt – Ginsberg, Robert Creeley, Gary Snyder usw. Heute findet man kaum noch junge Lyriker mit einem solchen Bekanntheitsgrad.
Fehlen denen vielleicht die Themen?
Kann sein. Die Verlage beschweren sich, dass sie jetzt alle auf Hunderten von Manuskripten junger amerikanischer Schriftsteller sitzen, die darüber schreiben, wie es ist, jung zu sein und in Berlin zu leben.
(Interview: Maik Brüggemeyer)
Tags: Eliot Weinberger · Ernest Hemingway · Essay · Lyrik · Popkultur · William T. Vollmann
„Das politische System der USA ist kollabiert.“ Interview mit Eliot Weinberger (1)
01.11.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Allgemein, Literatur
In der aktuellen Ausgabe des ROLLING STONE gibt es ein kleines Porträt des New Yorker Essayisten, Übersetzers und Lyrikers Eliot Weinberger. Das zugrunde liegende Gespräch gibt es nun hier in zwei Teilen.
Eliot Weinberger wurde 1949 in New York City geboren. Bereits mit 19 wurde er der amerikanische Übersetzer des mexikanischen Dichters Octavio Paz. In seinen Zwanzigern studierte er Chinesisch und übertrug die Werke des Lyrikers Bei Dao ins Englische. Seit den Achtzigern glänzt er mit eigenen Essays, die unter anderem in „Lettre International“ erschienen. Faszinierende, mit der Sensibilität eines Lyrikers und dem Horizont eines Kosmopoliten verfasste Texte, die nicht nur die Grenzen der essayistischen Form, sondern auch die der Sprache neu ausloten. Einer seiner Texte, „What I Heard About Iraq“, machte eine besonders bemerkenswerte Karriere. Aus Zitaten von Politikern, Soldaten und Zivilisten hatte er ein Prosagedicht über den Irakkrieg montiert, das im Internet ein Eigenleben entwickelte und u.a. Theaterstücke, Tanzperformances, und Kunstinstallationen inspirierte. In deutscher Sprache sind von Weinberger bisher drei Bücher erschienen: „Kaskaden“ (Edition Suhrkamp), „Das Wesentliche“ und jüngst „Orangen! Erdnüsse!“ (beide in sehr schönen Editionen im Berenberg Verlag).
Das ist vermutlich Ihr erstes Interview mit dem ROLLING STONE.
EW: Ja, in den USA haben sie mich noch nicht gefragt. Wahrscheinlich würden sie mich zuerst mal nackt in fötaler Stellung fotografieren. (lacht)
Was sagt es über die US-Presselandschaft, dass Sie dort quasi nicht vorkommen und die meisten Ihrer Texte in europäischen Magazinen erscheinen?
Keine Ahnung. Vielleicht bin ich in der Übersetzung einfach besser.
Liegt es daran, dass es keine Schublade gibt, in die Ihre Essays passen – weder thematisch noch formal?
Es ist tatsächlich ein Problem in den USA, dass die meisten Magazine in ihren Formaten gefangen sind. Der New York Review of Books bringt eben nur Besprechungen, der New Yorker bringt Porträts etc. Und zudem werden die Texte redaktionell stark bearbeitet und umgeschrieben. Es gibt bei uns einfach diese Feuilletontradition nicht – literarische Autoren tauchen nicht in Zeitungen auf, um ihre Meinungen über politische oder kulturelle oder soziale Anlässe zu äußern.
In McSweeney’s Magazin “The Believer” schreiben Autoren allerdings durchaus über diese Dinge.
Ja, aber das ist eine kleine Literaturzeitschrift, es gibt jedoch kein Äquivalent zu „Lettre International“ beispielsweise. Es gibt bei uns Platz für lange journalistische Stücke, für Literaturkritik etc., aber die Meinungen von Literaten sind im öffentlichen Diskurs nicht gefragt.
Aber selbst in Deutschland hat man nicht das Gefühl, dass die Feuilletons von klassischen Intellektuellen bestimmt werden. Vielleicht gibt es die auch gar nicht mehr. Es gibt eher das, was man Medienintellektuelle nennt – Leute, die sich nach den Gesetzen der Medien als Intellektuelle inszenieren. Am deutlichsten wird es natürlich, wenn sie im Fernsehen auftreten – Leute wie Slavoj Zizek, Peter Sloterdijk … alle haben diesen nervösen Tick, als hätten sie zu viele Woody-Allen-Filme geguckt, um sich abzuschauen, was man unter einem Intellektuellen versteht.
(Lacht) Ja, wenn ich so drüber nachdenke – das stimmt tatsächlich. Mit Woody Allen ist es ja auch so eine Sache. Ich lebe in New York, bin da aufgewachsen, und egal, in welches Land ich komme, es kostet mich jedes Mal sehr viel Zeit zu erklären, dass ich Woody Allen überhaupt nicht mag, dass eigentlich niemand in New York Woody Allen mag. Und die Leute können das dann überhaupt nicht verstehen. Als ich nach Berlin flog, habe ich im Flugzeug den neuen Allen-Film „Midnight In Paris“ gesehen – sein Problem ist einfach, er kann überhaupt keine Dialoge schreiben. Jede Figur klingt wie Woody Allen, und das ist irgendwann etwas ermüdend.
Vielleicht ist er auch besser in der Übersetzung.
(Lacht) Kann sein. Er hat jetzt bestimmt 40 Filme über New York gemacht, und es ist nicht eine einzige schwarze Figur aufgetaucht oder eine hispanische oder eine Prostituierte …
Prostituierte gibt es bei ihm schon ab und zu. Und zumindest in zwei Filmen, die mir gerade einfallen, gibt es eine mit einem Afroamerikaner besetzte Nebenrolle. Aber, klar, das ist kein reales Bild von New York, soll es wohl auch nicht sein.
Seine Filme handeln von einem New York, dass es nicht mehr gibt. Das ist das New York der 70er-Jahre, das ist lange vorbei.
Allen scheint sich nach diesem New York zu sehnen. Sie offensichtlich nicht …
Nein, überhaupt nicht. Er hat halt diese Fantasie über die Intellektuellen an der Upper West Side. Mir gefällt New York heute besser – zumindest einige Teile von New York.
Wo leben Sie?
In Greenwich Village. Aber natürlich ist auch da alles total gentrifiziert. Nur noch die Reichen können in Manhattan leben. Früher haben in meinem Viertel arbeitslose Schauspieler gelebt, und die Leute haben so gegen ein Uhr nachmittags gefrühstückt. Nun sieht man Hedgefont-Manager, Filmstars und ein paar ältere Leute wie mich, die einfach geblieben sind, sonst sind alle nach Brooklyn gezogen. Dort findet mittlerweile das intellektuelle Leben statt.
Als ich die ersten Texte aus Ihrer Essaysammlung „Orangen! Erdnüsse!“ gelesen habe, kam mir dieser Satz von Wittgenstein in den Sinn: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt”. Es schien mir, als würden sie die Grenzen meiner Sprache verschieben und mir so mehr von der Welt zeigen.
Das hat wohl damit zu tun, dass ich mich mein Leben lang mit Übersetzungen beschäftigt habe. Die Übersetzung erweitert im besten Fall den Horizont der Sprache, in die man übersetzt. Ich kann neue Dinge in die englische Sprache hineinholen. Da Übersetzungen eben immer auch wie Übersetzungen gelesen werden, hat man eine gewisse Freiheit, Dinge zu tun, die in einem anderen Kontext vielleicht seltsam erscheinen würden. Außerdem habe ich den Großteil meines Lebens in New York verbracht, und das ist nun mal die Weltstadt schlechthin – fast die Hälfte der Einwohner wurde in einem anderen Land geboren, und die andere Hälfte sind deren Kinder. Da fühlt man sich als Weltbürger – jedenfalls sicher nicht als US-Bürger. Alles, was auf der Welt passiert, hat irgendwie Auswirkungen auf die Stadt.
Muss seltsam sein, in einer Stadt zu leben, die sich so sehr vom Rest des Landes unterscheidet, dass man sich in der Politik nie wirklich repräsentiert fühlt.
Ja, ich habe schon immer gedacht, New York sollte sich von den USA abspalten und ein Stadtstaat werden – so wie Singapur. (lacht) Was auch noch bemerkenswert ist an New York, ist die verfallende Infrastruktur – wenn man sich allein den JFK-Flughafen anschaut! Früher sagte man scherzhaft, Kennedy sei ein Dritte-Welt-Flughafen – mittlerweile haben allerdings die meisten Dritte-Welt-Länder einen weitaus komfortableren Airport. Auch der Personennahverkehr steht ja kurz vor dem Kollaps. Und der Grund dafür ist natürlich, dass niemand im Kongress Geld an New York gibt – die Abgeordneten wohnen alle in Montana oder sonstwo und verabscheuen New York. Im Vergleich zu den Steuergeldern, die aus der Stadt kommen, fließt ziemlich wenig zurück. New York ist vermutlich die einzige Metropole der Welt, in der seit etwa 50 Jahren keine neue Infrastruktur mehr gebaut wurde. Es gibt eine Brücke, die in den frühen Sechzigern errichtet wurde, das ist das letzte, was dort passiert ist. Seit 75 Jahren bauen sie nun schon einen neuen Streckenabschnitt der U-Bahn unter der 2nd Avenue – und nicht mal ein kleiner Teil davon ist bisher eröffnet. New York ist eine ein bizarre Dritte-Welt-Stadt.
Funktioniert die politische Öffentlichkeit der USA ausschließlich über das Fernsehen?
Ja, klar. Eine Zeitungskultur gibt es nur in wenigen Städten. Aber es ist eben eine bestimmt Art von Fernsehen – die „Fox“-Nachrichten mit ihrer Sensationsgier. Dadurch kommen dann auch obskure Randgestalten in die Öffentlichkeit wie dieser Typ aus Florida, der eine sogenannte Kirche hat und vermutlich so um die zehn Leute, die ihm folgen. Und er kündigt an, er werde den Koran verbrennen. Normalerweise wäre das nicht mal eine Nachricht – irgendein Verrückter, der irgendwo an einer Ecke steht. Aber plötzlich wird das ein großes Ding im Fernsehen und führt zu weltweiten Demonstrationen. So verwandelt sich Sensationsgier in Nachrichten. Und deshalb sind auch die meisten Kandidaten der republikanischen Partei Verrückte. Leute, die im Grunde genommen die gesamte Regierung abbauen wollen – es gab in den USA immer irgendwelche Randfiguren im Untergrund, die das gefordert haben, aber jetzt stehen sie im Rampenlicht.
Welche Rolle spielt denn das Internet für die politische Kultur der USA?
Es gab diese Zeit– kurz nach 9/11 –, als die großen Medien einfach nur das wiederholten, was der Präsident sagte. Das war schon ein bisschen wie in der Sowjetunion. Deshalb waren wir alle auf das Internet angewiesen, um die internationale Presse zu lesen. Das war die einzige Quelle oppositioneller Informationen. Es ist fast vollkommen unmöglich sich vorzustellen, wie wir die Bush-Ära ohne das Internet hätten durchstehen sollen. Das war unsere Lebensader. Erst nach dem Hurricane Katrina wurden die Medien wieder skeptischer gegenüber der Bush-Regierung. Für den Journalismus ist das Internet ein Segen, weil es voller investigativer Journalisten ist, die kaum zu kontrollieren sind. Die Aufdeckung der meisten politischen Skandale der letzten Jahre nahm in den USA ihren Ausgangspunkt im Internet. Eine autoritäre Gesellschaft ist auf die Kontrolle von Information angewiesen. Die Frage ist nun, wie kann man die autoritäre Gesellschaft fortführen, wenn sich die Informationen nicht mehr kontrollieren lassen. Das ist gerade ein großes Problem in China, weil die Hacker immer einen Schritt schneller sind als die Regierung.
Haben Sie mal überlegt, einen Blog zu schreiben?
Die Originalversionen der politischen Artikel, die ich für ausländische Publikationen schreibe, schicke ich per Email an Freunde. Das ist der beste Weg zu publizieren, weil die Leser mit ihren Forward-Button abstimmen. Wenn es ihnen gefällt, leiten sie es weiter. So haben einige der Texte sich im Internet quasi verselbständigt. Speziell die Dinge, die ich über den Irakkrieg geschrieben habe, haben sich im großen Stil verbreitet. Ein Typ in Los Angeles machte daraus ein Theaterstück, das dort für sieben Monate lief, dann tourte es durch England, wurde zu einem BBC-Hörspiel … in Australien machte ebenfalls jemand ein Hörspiel daraus. Außerdem entstanden daraus Tanz-Performances, Kunstinstallationen, das Berliner Literaturfestival organisierte eine weltweite Lesung an hundert verschiedenen Orten – Beirut, Kalkutta und so weiter. Meine Rolle bestand lediglich darin, jedem die Erlaubnis zu geben, der danach fragte. Der Grund für diesen Zuspruch war wohl einfach, dass es sonst keine literarischen Texte zu dem Thema gab.
Sie haben früher kaum über die USA geschrieben – eher über China, Indien, Mittelamerika …
Ja, das hat sich mit dem Amtsantritt von George W. Bush geändert. Da staute sich eine Wut auf, und ich schrieb mehr über Amerika. Nach 9/11 war ich dann eine Art Amerika-Korrespondent für europäische Publikationen. Nach der Wahl von Obama war ich nicht mehr wütend und habe damit wieder aufgehört. Doch nun kommt die Wut zurück, und ich beginne von Neuem, über Politik zu schreiben.
Liegt das an den verrückten Republikanern oder auch an Obama selbst?
Als Obama gewählt wurde, schien es eine kurze Zeit, als könnten die USA ein normales Land mit einem normalen Präsidenten werden. Er ist artikuliert und brillant und dazu noch sehr vernünftig. Aber es hat nicht lange gedauert, bis die Verrückten zurückkamen. Und nun ist alles außer Kontrolle, denn die Republikaner sind von Leuten übernommen worden, die man nicht mehr als Konservative bezeichnen kann, eher als ultrarechte Anarchisten. Solch extreme Elemente haben noch nie die Macht über eine der beiden großen Parteien übernommen. Das hat natürlich auch zu einer enormen Störung der Regierungstätigkeit geführt – denn diese Leute glauben einfach nicht an Kompromisse. Im Wesentlichen bedeutet das: Sie sind einfach gegen alles, was Obama macht – selbst wenn sie vor einer Woche noch das Gegenteil behauptet haben. Das politische System ist quasi kollabiert – nichts kann mehr angefasst werden. Diese Leute glauben tatsächlich an den völligen Abbau der Regierung – mit Ausnahme des Militärs. Michelle Bachmann hat neulich gesagt, die Leute sollten keine Steuern mehr zahlen. Sie glauben an den Abbau des Bildungsministeriums. Selbst die geringe Sozialfürsorge, die alten Menschen in den USA zusteht, ist vor ihnen nicht sicher. Die Familie sollte sich um die alten Leute kümmern.
Der absolute Laissez-Faire-Kapitalismus.
Ganz genau. Nicht einmal Aufsichtsbehörden soll es geben – niemand sollte das zum Verzehr gedachte Fleisch überprüfen oder die Emissionen von Fabriken. Man kann sie also nicht mal konservativ nennen, denn die Konservativen glauben an die Bewahrung des Status Quo mit kleinen Veränderungen. Diese Leute wollen dagegen einfach alles abbauen. Und die Republikaner haben bisher keine vernünftige Person gefunden, die die Wahl gewinnen kann. Wir haben ja das System der Primaries, um die Kandidaten der Parteien zu nominieren. Und nur Fanatiker wählen in den Primaries. Deshalb entwickeln sich die Republikaner immer weiter in die rechte Ecke. Deshalb gibt es keine vernünftigen Republikaner mehr: Sie können sich einfach bei den Vorwahlen nicht durchsetzen. Aber die meisten Menschen in den USA sind nicht so verrückt, und deshalb werden sie diese Leute auch nicht wählen. Die gute Nachricht ist also, dass Obama es bei der nächsten Wahl ziemlich leicht haben wird. Wenn sie einen normalen, langweiligen Republikaner finden würden, sähe das anders aus.
(Interview: Maik Brüggemeyer)
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