„Das politische System der USA ist kollabiert.“ Interview mit Eliot Weinberger (1)

In der aktuellen Ausgabe des ROLLING STONE gibt es ein kleines Porträt des New Yorker Essayisten, Übersetzers und Lyrikers Eliot Weinberger. Das zugrunde liegende Gespräch gibt es nun hier in zwei Teilen.

Eliot Weinberger wurde 1949 in New York City geboren. Bereits mit 19 wurde er der amerikanische Übersetzer des mexikanischen Dichters Octavio Paz. In seinen Zwanzigern studierte er Chinesisch und übertrug die Werke des Lyrikers Bei Dao ins Englische. Seit den Achtzigern glänzt er mit eigenen Essays, die unter anderem in „Lettre International“ erschienen. Faszinierende, mit der Sensibilität eines Lyrikers und dem Horizont eines Kosmopoliten verfasste Texte, die nicht nur die Grenzen der essayistischen Form, sondern auch die der Sprache neu ausloten. Einer seiner Texte, „What I Heard About Iraq“, machte eine besonders bemerkenswerte Karriere. Aus Zitaten von Politikern, Soldaten und Zivilisten hatte er ein Prosagedicht über den Irakkrieg montiert, das im Internet ein Eigenleben entwickelte und u.a. Theaterstücke, Tanzperformances, und Kunstinstallationen inspirierte. In deutscher Sprache sind von Weinberger bisher drei Bücher erschienen: „Kaskaden“ (Edition Suhrkamp), „Das Wesentliche“ und jüngst „Orangen! Erdnüsse!“ (beide in sehr schönen Editionen im Berenberg Verlag).

Das ist vermutlich Ihr erstes Interview mit dem ROLLING STONE.

EW: Ja, in den USA haben sie mich noch nicht gefragt. Wahrscheinlich würden sie mich zuerst mal nackt in fötaler Stellung fotografieren. (lacht)

Was sagt es über die US-Presselandschaft, dass Sie dort quasi nicht vorkommen und die meisten Ihrer Texte in europäischen Magazinen erscheinen?

Keine Ahnung. Vielleicht bin ich in der Übersetzung einfach besser.

Liegt es daran, dass es keine Schublade gibt, in die Ihre Essays passen – weder thematisch noch formal?

Es ist tatsächlich ein Problem in den USA, dass die meisten Magazine in ihren Formaten gefangen sind. Der New York Review of Books bringt eben nur Besprechungen, der New Yorker bringt Porträts etc. Und zudem werden die Texte redaktionell stark bearbeitet und umgeschrieben. Es gibt bei uns einfach diese Feuilletontradition nicht – literarische Autoren tauchen nicht in Zeitungen auf, um ihre Meinungen über politische oder kulturelle oder soziale Anlässe zu äußern.

In McSweeney’s Magazin “The Believer” schreiben Autoren allerdings durchaus über diese Dinge.

Ja, aber das ist eine kleine Literaturzeitschrift, es gibt jedoch kein Äquivalent zu „Lettre International“ beispielsweise. Es gibt bei uns Platz für lange journalistische Stücke, für Literaturkritik etc., aber die Meinungen von Literaten sind im öffentlichen Diskurs nicht gefragt.

Aber selbst in Deutschland hat man nicht das Gefühl, dass die Feuilletons von klassischen Intellektuellen bestimmt werden. Vielleicht gibt es die auch gar nicht mehr. Es gibt eher das, was man Medienintellektuelle nennt – Leute, die sich nach den Gesetzen der Medien als Intellektuelle inszenieren. Am deutlichsten wird es natürlich, wenn sie im Fernsehen auftreten – Leute wie Slavoj Zizek, Peter Sloterdijk …  alle haben diesen nervösen Tick, als hätten sie zu viele Woody-Allen-Filme geguckt, um sich abzuschauen, was man unter einem Intellektuellen versteht.

(Lacht) Ja, wenn ich so drüber nachdenke – das stimmt tatsächlich. Mit Woody Allen ist es ja auch so eine Sache. Ich lebe in New York, bin da aufgewachsen, und egal, in welches Land ich komme, es kostet mich jedes Mal sehr viel Zeit zu erklären, dass ich Woody Allen überhaupt nicht mag, dass eigentlich niemand in New York Woody Allen mag. Und die Leute können das dann überhaupt nicht verstehen. Als ich nach Berlin flog, habe ich im Flugzeug den neuen Allen-Film „Midnight In Paris“ gesehen – sein Problem ist einfach, er kann überhaupt keine Dialoge schreiben. Jede Figur klingt wie Woody Allen, und das ist irgendwann etwas ermüdend.

Vielleicht ist er auch besser in der Übersetzung.

(Lacht) Kann sein. Er hat jetzt bestimmt 40 Filme über New York gemacht, und es ist nicht eine einzige schwarze Figur aufgetaucht oder eine hispanische oder eine Prostituierte …

Prostituierte gibt es bei ihm schon ab und zu. Und zumindest in zwei Filmen, die mir gerade einfallen, gibt es eine mit einem Afroamerikaner besetzte Nebenrolle. Aber, klar, das ist kein reales Bild von New York, soll es wohl auch nicht sein.

Seine Filme handeln von einem New York, dass es nicht mehr gibt. Das ist das New York der 70er-Jahre, das ist lange vorbei.

Allen scheint sich nach diesem New York zu sehnen. Sie offensichtlich nicht …

Nein, überhaupt nicht. Er hat halt diese Fantasie über die Intellektuellen an der Upper West Side. Mir gefällt New York heute besser – zumindest einige Teile von New York.

Wo leben Sie?

In Greenwich Village. Aber natürlich ist auch da alles total gentrifiziert. Nur noch die Reichen können in Manhattan leben. Früher haben in meinem Viertel arbeitslose Schauspieler gelebt, und die Leute haben so gegen ein Uhr nachmittags gefrühstückt. Nun sieht man Hedgefont-Manager, Filmstars und ein paar ältere Leute wie mich, die einfach geblieben sind, sonst sind alle nach Brooklyn gezogen. Dort findet mittlerweile das intellektuelle Leben statt.

Als ich die ersten Texte aus Ihrer Essaysammlung „Orangen! Erdnüsse!“ gelesen habe, kam mir dieser Satz von Wittgenstein in den Sinn: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt”. Es schien mir, als würden sie die Grenzen meiner Sprache verschieben und mir so mehr von der Welt zeigen.

Das hat wohl damit zu tun, dass ich mich mein Leben lang mit Übersetzungen beschäftigt habe. Die Übersetzung erweitert im besten Fall den Horizont der Sprache, in die man übersetzt. Ich kann neue Dinge in die englische Sprache hineinholen. Da Übersetzungen eben immer auch wie Übersetzungen gelesen werden, hat man eine gewisse Freiheit, Dinge zu tun, die in einem anderen Kontext vielleicht seltsam erscheinen würden. Außerdem habe ich den Großteil meines Lebens in New York verbracht, und das ist nun mal die Weltstadt schlechthin – fast die Hälfte der Einwohner wurde in einem anderen Land geboren, und die andere Hälfte sind deren Kinder. Da fühlt man sich als Weltbürger – jedenfalls sicher nicht als US-Bürger. Alles, was auf der Welt passiert, hat irgendwie Auswirkungen auf die Stadt.

Muss seltsam sein, in einer Stadt zu leben, die sich so sehr vom Rest des Landes unterscheidet, dass man sich in der Politik nie wirklich repräsentiert fühlt.

Ja, ich habe schon immer gedacht, New York sollte sich von den USA abspalten und ein Stadtstaat werden – so wie Singapur. (lacht) Was auch noch bemerkenswert ist an New York, ist die verfallende Infrastruktur – wenn man sich allein den JFK-Flughafen anschaut! Früher sagte man scherzhaft, Kennedy sei ein Dritte-Welt-Flughafen – mittlerweile haben allerdings die meisten Dritte-Welt-Länder einen weitaus  komfortableren Airport. Auch der Personennahverkehr steht ja kurz vor dem Kollaps. Und der Grund dafür ist natürlich, dass niemand im Kongress Geld an New York gibt – die Abgeordneten wohnen alle in Montana oder sonstwo und verabscheuen New York. Im Vergleich zu den Steuergeldern, die aus der Stadt kommen, fließt ziemlich wenig zurück. New York ist vermutlich die einzige Metropole der Welt, in der seit etwa 50 Jahren keine neue Infrastruktur mehr gebaut wurde. Es gibt eine Brücke, die in den frühen Sechzigern errichtet wurde, das ist das letzte, was dort passiert ist. Seit 75 Jahren bauen sie nun schon einen neuen Streckenabschnitt der U-Bahn unter der 2nd Avenue – und nicht mal ein kleiner Teil davon ist bisher eröffnet. New York ist eine ein bizarre Dritte-Welt-Stadt.

Funktioniert die politische Öffentlichkeit der USA ausschließlich über das Fernsehen?

Ja, klar. Eine Zeitungskultur gibt es nur in wenigen Städten. Aber es ist eben eine bestimmt Art von Fernsehen – die „Fox“-Nachrichten mit ihrer Sensationsgier. Dadurch kommen dann auch obskure Randgestalten in die Öffentlichkeit wie dieser Typ aus Florida, der eine sogenannte Kirche hat und vermutlich so um die zehn Leute, die ihm folgen. Und er kündigt an, er werde den Koran verbrennen. Normalerweise wäre das nicht mal eine Nachricht – irgendein Verrückter, der irgendwo an einer Ecke steht. Aber plötzlich wird das ein großes Ding im Fernsehen und führt zu weltweiten Demonstrationen. So verwandelt sich Sensationsgier in Nachrichten. Und deshalb sind auch die meisten Kandidaten der republikanischen Partei Verrückte. Leute, die im Grunde genommen die gesamte Regierung abbauen wollen – es gab in den USA immer irgendwelche Randfiguren im Untergrund, die das gefordert haben, aber jetzt stehen sie im Rampenlicht.

Welche Rolle spielt denn das Internet für die politische Kultur der USA?

Es gab diese Zeit– kurz nach 9/11 –, als die großen Medien einfach nur das wiederholten, was der Präsident sagte. Das war schon ein bisschen wie in der Sowjetunion. Deshalb waren wir alle auf das Internet angewiesen, um die internationale Presse zu lesen. Das war die einzige Quelle oppositioneller Informationen. Es ist fast vollkommen unmöglich sich vorzustellen, wie wir die Bush-Ära ohne das Internet hätten durchstehen sollen. Das war unsere Lebensader. Erst nach dem Hurricane Katrina wurden die Medien wieder skeptischer gegenüber der Bush-Regierung. Für den Journalismus ist das Internet ein Segen, weil es voller investigativer Journalisten ist, die kaum zu kontrollieren sind. Die Aufdeckung der meisten politischen Skandale der letzten Jahre nahm in den USA ihren Ausgangspunkt im Internet. Eine autoritäre Gesellschaft ist auf die Kontrolle von Information angewiesen. Die Frage ist nun, wie kann man die autoritäre Gesellschaft fortführen, wenn sich die Informationen nicht mehr kontrollieren lassen. Das ist gerade ein großes Problem in China, weil die Hacker immer einen Schritt schneller sind als die Regierung.

Haben Sie mal überlegt, einen Blog zu schreiben?

Die Originalversionen der politischen Artikel, die ich für ausländische Publikationen schreibe, schicke ich per Email an Freunde. Das ist der beste Weg zu publizieren, weil die Leser mit ihren Forward-Button abstimmen. Wenn es ihnen gefällt, leiten sie es weiter. So haben einige der Texte sich im Internet quasi verselbständigt. Speziell die Dinge, die ich über den Irakkrieg geschrieben habe, haben sich im großen Stil verbreitet. Ein Typ in Los Angeles machte daraus ein Theaterstück, das dort für sieben Monate lief, dann tourte es durch England, wurde zu einem BBC-Hörspiel … in Australien machte ebenfalls jemand ein Hörspiel daraus. Außerdem entstanden daraus Tanz-Performances, Kunstinstallationen, das Berliner Literaturfestival organisierte eine weltweite Lesung an hundert verschiedenen Orten – Beirut, Kalkutta und so weiter. Meine Rolle bestand lediglich darin, jedem die Erlaubnis zu geben, der danach fragte. Der Grund für diesen Zuspruch war wohl einfach, dass es sonst keine literarischen Texte zu dem Thema gab.

Sie haben früher kaum über die USA geschrieben – eher über China, Indien, Mittelamerika …

Ja, das hat sich mit dem Amtsantritt von George W. Bush geändert. Da staute sich eine Wut auf, und ich schrieb mehr über Amerika. Nach 9/11 war ich dann eine Art Amerika-Korrespondent für europäische Publikationen. Nach der Wahl von Obama war ich nicht mehr wütend und habe damit wieder aufgehört. Doch nun kommt die Wut zurück, und ich beginne von Neuem, über Politik zu schreiben.

Liegt das an den verrückten Republikanern oder auch an Obama selbst?

Als Obama gewählt wurde, schien es eine kurze Zeit, als könnten die USA ein normales Land mit einem normalen Präsidenten werden. Er ist artikuliert und brillant und dazu noch sehr vernünftig. Aber es hat nicht lange gedauert, bis die Verrückten zurückkamen. Und nun ist alles außer Kontrolle, denn die Republikaner sind von Leuten übernommen worden, die man nicht mehr als Konservative bezeichnen kann, eher als ultrarechte Anarchisten. Solch extreme Elemente haben noch nie die Macht über eine der beiden großen Parteien übernommen. Das hat natürlich auch zu einer enormen Störung der Regierungstätigkeit geführt – denn diese Leute glauben einfach nicht an Kompromisse. Im Wesentlichen bedeutet das: Sie sind einfach gegen alles, was Obama macht – selbst wenn sie vor einer Woche noch das Gegenteil behauptet haben. Das politische System ist quasi kollabiert – nichts kann mehr angefasst werden. Diese Leute glauben tatsächlich an den völligen Abbau der Regierung – mit Ausnahme des Militärs. Michelle Bachmann hat neulich gesagt, die Leute sollten keine Steuern mehr zahlen. Sie glauben an den Abbau des Bildungsministeriums. Selbst die geringe Sozialfürsorge, die alten Menschen in den USA zusteht, ist vor ihnen nicht sicher. Die Familie sollte sich um die alten Leute kümmern.

Der absolute Laissez-Faire-Kapitalismus.

Ganz genau. Nicht einmal Aufsichtsbehörden soll es geben – niemand sollte das zum Verzehr gedachte Fleisch überprüfen oder die Emissionen von Fabriken. Man kann sie also nicht mal konservativ nennen, denn die Konservativen glauben an die Bewahrung des Status Quo mit kleinen Veränderungen. Diese Leute wollen dagegen einfach alles abbauen. Und die Republikaner haben bisher keine vernünftige Person gefunden, die die Wahl gewinnen kann. Wir haben ja das System der Primaries, um die Kandidaten der Parteien zu nominieren. Und nur Fanatiker wählen in den Primaries. Deshalb entwickeln sich die Republikaner immer weiter in die rechte Ecke. Deshalb gibt es keine vernünftigen Republikaner mehr: Sie können sich einfach bei den Vorwahlen nicht durchsetzen. Aber die meisten Menschen in den USA sind nicht so verrückt, und deshalb werden sie diese Leute auch nicht wählen. Die gute Nachricht ist also, dass Obama es bei der nächsten Wahl ziemlich leicht haben wird. Wenn sie einen normalen, langweiligen Republikaner finden würden, sähe das anders aus.

(Interview: Maik Brüggemeyer)

(Fortsetzung folgt)

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