Altlasten-Alarm beim “X-Factor”

Neulich habe ich von einem Leser den Rat bekommen, den Fernseher einfach abzuschalten, wenn mir das Programm nicht gefällt. Das ist eine gute Idee, aber so schwer durchzuhalten! Bei “DSDS” schaffe ich es seit längerem, weil an der Sendung inzwischen gar nichts mehr spannend, lustig oder auch nur minimal unterhaltsam ist. Aber ich ahne Schlimmes, wenn demnächst wieder “X-Factor” beginnt. Die Jury um Show-Mutti Sarah Connor wurde gerade neu besetzt. Raus mit Till Brönner und Das Bo, rein mit – und jetzt kommt’s: Moses Pelham! H.P. Baxxter! Sandra Nasic! So eine irre Mischung gab es nicht mehr, seit Bohlen fürs “Supertalent” (das noch öder ist als “DSDS”) neben die Barbie-Puppe Sylvie van der Vaart auch noch die treuherzige Tänzerin Motsi Mabuse setzte.

Spontan fühlte ich mich in meine gar nicht so glorreiche VIVA-Zeit zurückversetzt. Als man noch an Musiksender glaubte, Mitte der 90er-Jahre, durfte ich eine Weile für den Teletext der Kölner arbeiten. Die Kollegen waren toll, die Honorare auch, aber die sogenannten Musiker, die hin und wieder zu Interviews vorbeischauten, ließen leider zu wünschen übrig. Die Zicken von Tic Tac Toe hätten man schon damals gern in den Dschungel versetzt, auch Sabrina Setlur und Mr. President begeisterten mich nicht. Die beiden nettesten Typen, die je auftauchten, waren der bescheidene DJ Bobo und – Scooter-Shouter H.P. Baxxter. Der ostfriesische Blonde hatte schon damals eine angenehme Distanz zu seiner Bühnenpersönlichkeit eingenommen, er spielte auf der Bühne mit Vergnügen den aufgedrehten “Hyper Hyper”-Sänger und hatte es ansonsten nicht nötig, sich aufzuplustern. Wahrscheinlich soll er bei “X-Factor” den trockenen Stichwortgeber spielen für den einstigen Pöbler Moses Pelham.

Wo hat sich der eigentlich zuletzt verkrochen? Rödelheim Hartreim Projekt, Schwester S., Xavier Naidoo, Glashaus – was haben wir dem Mann alles zu verdanken! Schlimmer kann der Gewinner von “X-Factor” auch nicht sein. Pelham habe ich in der VIVA-Zeit nur einmal gesehen – aus der Entfernung, bei der “Echo”-Verleihung 1997, als er Stefan Raab die Nase brach. Wenn ich heute sehe, wie Raab bei all seinen Shows bis zur Besinnungslosigkeit kämpft, um zu gewinnen, dann weiß ich, wie viel Beherrschung es ihn gekostet haben muss, nicht zurückzuhauen. Schade eigentlich. Und dann noch Sandra Nasic! Die habe ich auch in bester Erinnerung. Die Guano-Apes-Brüllerin dachte damals ganz offensichtlich, sie wäre ein mindestens so großer Rockstar wie Anthony Kiedis, nörgelte an jeder Kleinigkeit herum (dabei waren die bereitgestellten Brötchen gar nicht so schlecht!) und drangsalierte alle Assistentinnen. Ich dachte nur, wenn ich noch einmal “Open Your Eyes” hören muss, schreie ich lauter als sie.

Und jetzt sollen diese drei Figuren aus der Vergangenheit also über ein Talent für die Zukunft entscheiden. Aber halt, jetzt habe ich wieder einen Denkfehler begangen! Es geht bei Castingshows ja gar nicht um die Zukunft, sondern um die Einschaltquoten. Muss ich mir endlich mal merken.

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