Die Einträge der Rubrik: 'Befindlichkeiten'
Nichts zu verlieren, Nachtrag
07.02.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Befindlichkeiten
Gestern, kurz vor Mitternacht schrieb der Stadionbesuch des Erdmöbel-Produzenten/Bassisten Ekki Maas im WDR Fernsehgeschichte (Pfeil). Und zwar in Arnd Zeiglers wunderbarer Welt des Fußballs.
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Nichts zu verlieren
06.02.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Befindlichkeiten
Der Wind war kalt, das Kölsch aber lauwarm wie ein Tümpel im Hochsommer – und der FC Bayern führte 2:0. Für den Fußballfan also ein ganz gewöhnlicher Samstagnachmittag, und die meisten der knapp 50.000 Besucher in Köln-Müngersdorf trugen es mit Fassung. Nur Ekki Maas von den Erdmöbeln, sowas wie die kölsche Antwort auf Paul McCartney und George Martin, schaute ein wenig bedröppelt drein, denn diese trostlose Veranstaltung war sein erstes Fußballspiel überhaupt. Und ich war an allem Schuld.
Es fing ja ganz gut an. Bei den Karnevalsliedern, die vor Spielbeginn durchs Stadion dröhnten, war Ekki wesentlich textsicherer gewesen als ich, und auch seine Spielanalyse schien um einiges treffender als die Banalitäten, die man sich manchmal von den Kommentatoren im Bezahlfernsehen anhören muss. Der „langhaarige Verteidiger“ hatte es ihm angetan, und wer wäre ich, seiner Pedro-Geromel-Verehrung zu widersprechen? Sonst war allerdings nicht viel zu sehen von meinem FC. „Ist das denn wirklich mit soviel Aufwand verbunden, den Kölnern zu zeigen, wie das geht?“ Tja. „Man kann doch nicht einfach nur den Ball nach vorne schießen und hoffen, dass der reingeht.“ Hmpf.
Die durchtrainierten Vangaalesen ließen die kölschen Jungs stehen wie Heranwachsende, die genug damit zu tun haben, ihre eigenen Gliedmaßen zu ordnen. Nachdem einer von den Altintops aus einem sehr unwahrscheinlichen Winkel das zweite Tor geschossen hatte, schien Ekki dann schon etwas lustlos und interessierte sich nur noch für die Gesänge der paar hundert Bayern-Fans. Denn: Nicht nur saßen wir gefühlte 100 Meter vom in der ersten Halbzeit beschossenen Tor entfernt, wir waren auch gefährlich nah am Gästeblock platziert.
Ehrlich gesagt war ich in der Halbzeitpause versucht, das ganze Experiment abzubrechen. Aber ich erinnerte mich an den von den Erdmöbel elliptisch ins Deutsche übertragenen Bossa Nova „Nothing To Lose“ von Henry Mancini. „Nichts zu verlieren/ Das ist der Stand/ Der Kummer frisst das Glück uns aus der Hand/ Obwohl vielleicht … wenn uns das nicht schert/ Ist es bis morgen umgekehrt.“ Und dann kommt dieses tränentreibende Posaunensolo, und das ist von Ekki und also blieben wir.
Bis zum nächsten Tag mussten wir dann auch gar nicht warten, bis sich alles umkehrte. Schon nach zehn Minuten überlief Christian Clemens die gesamte Bayernabwehr, es riss uns erstmals aus den Sitzen, ein Jubel brandete auf – der Ball war drin! Natürlich wieder ganz weit hinten auf der anderen Seite, aber was machte das schon? Zumal nicht mal zehn Minuten später klar wurde, dass es das Schicksal gut mit uns meinte und wir alle Teil eines göttlichen Plans waren, der schon am vergangenen Montag seinen Anfang genommen hatte. Da nämlich war der 1. FC Köln drauf und dran gewesen, den HSV-Stürmer Eric-Maxim Choupo-Moting zu verpflichten. Doch das Faxgerät streikte. Deshalb kam der Vertrag erst zwölf Minuten nach Transferschluss bei der DFL an und wurde nicht anerkannt. Hätte der Wechsel funktioniert, wäre Milivoje Novakovic vermutlich an diesem Nachmittag gar nicht aufgelaufen. Aber da der FC die Technik gegen sich hatte, spielte Nova eben doch, köpfte das erste Mal überhaupt in diesem Jahr aufs Tor – Volltreffer! 2:2. Und weil der Dom zwei Türme hat, musste auch Supernova noch einmal treffen. Rubbeldiekatz. 3:2. Gottes Werk, Teufels Beitrag.
„Ich hab gewonnen!“, jubelte Ekki anschließend. Ins Stadion will er aber nie wieder gehen, denn besser kann es ja nicht mehr werden. Ein richtiger FC-Fan denkt da natürlich anders. Zumindest bis zum Spiel gegen Mainz darf geträumt werden. Aber wir wissen natürlich alle, was das nächste Gegentor verbricht, erst lässt es aus dem Schloss die Luft, dann knipst es an das Licht. Obwohl vielleicht … wenn uns das nicht schert …
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Zurück im Loch
02.02.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Befindlichkeiten
Der schönste Satz des gestrigen Fernsehabends stammte von Till Schweiger: „Ich beachte mich selber als intellektuell.“ Ob er sich da nicht ein bisschen „hochsterilisiert“ (Bruno Labbadia)?
Wort des Tages: Oikodizee
Heute Abend zu Gast auf meinem Plattenspieler: Boubacar Traoré
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Raus aus dem Loch
28.01.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Befindlichkeiten
Am letzten Wochenende hielt der gutste Onliner Daniel ein Seminar über Musikjournalismus ab. Ein Haufen Studenten war da, und alle wollen irgendwann mal so genannte Kulturjournalisten werden. Soll man ihnen das ausreden? Schon, irgendwie. Kann man das? Irgendwie nicht. Frage: „Haben Sie es bereut, diesen Beruf gewählt zu haben.“ Meine Antwort: „Ich hab bisher noch nichts besseres gefunden.“ Vielleicht hätte ein Zitat aus Jonathem Lethems neuem Roman „Chronic City“ (der Ende Februar auch auf Deutsch erscheint) geholfen: „rock critics are like little animals that live in holes …“
Obwohl das natürlich nicht ganz stimmt. Kann schon auch ganz glamourös sein, dieser Job. Birgit zum Beispiel flog gestern nach New York.
Ich fuhr mit dem Zug nach Wuppertal. Weiß nicht, ob das nach dem Tod von Pina Bausch vor zwei Jahren noch eine Tanztheatermetropole ist, aber sicher eine Schwebebahnmetropole. Mein Sitznachbar im ICE hatte eine dieser Daunenjacken, die man kauft, wenn einem ob der Minusgrade die Urteilskraft eingefroren ist. Für Zugfahrten sind diese schlafsackgroßen Ungetüme nicht zu empfehlen. Als der Herr aus Köln es auf den Haken am Fenster hängte, war ihm die Sicht versperrt und die Atmung verwehrt. Das hielt er nicht lange durch. Dann raschelte es stetig, und er versuchte mit umständlichen Bewegungen, die an einen Vogel beim Nestbau erinnerten, die Daunenjoppe unter sich zu begraben. Nach anderthalb Stunden hatte er das zu seiner Zufriedenheit gelöst und schlief ein. Endlich Zeit, in die Fahnen von Sven Regeners ziegelsteindicken gesammelten Blog-Einträgen zu schauen, die Mitte März erscheinen. Dort erfährt man unter anderem in einem “Versuch über Wuppertal”, dass die Schwebebahn „Murks aus Nürnberg“ ist, und auf Seite 192 schaut einem verschreckt ein alter Bekannter entgegen: Michael Malfer, der Element Of Crime damals für uns in Nashville fotografierte. Mir fällt gerade ein: Birgit hat ihn damals in die Countrymetropole begleitet. Ich war meinem Kalender zufolge zu dieser Zeit übrigens gerade auf einem Bauernhof im Bayrischen Wald, um mir einen vietnamesischen Vibraphonvirtuosen anzusehen. Es hatte irgendwas mit Liebe zu tun. Allerdings nicht zur Musik.
Knoblauchgeruch machte sich im Großraumwagen breit als der Zug den Bahnhof von Wuppertal erreichte. Ein Punkerpärchen in der Reihe vor mir hatte zum zweiten Frühstück eine Packung Frikadellen geöffnet. Noch nie habe ich mich so sehr nach einem Raucherabteil gesehnt. Und das als Nichtraucher.
Wuppertal ist übrigens wesentlich größer als vermutet. Oder eher: länger als vermutet. Würde ich mich – so wie Birgit – meinen Reisezielen immer aus der Luft nähern, wäre mir das natürlich sofort aufgefallen. So sah ich es erst auf dem Straßenbahnfahrplan. Gerade noch pünktlich traf ich schließlich in dem Stadtteil mit dem sprechenden Namen Wuppertal-Barmen ein, fand neben der Schwebebahn, die ich bisher nur aus „Alice in den Städten“ kannte, das Theater. Dort hatte Starfotograf Dieter Eikelpoth schon all seine Lampen und grauen Wände aufgebaut.
Was dann geschah, lesen Sie in der März-Ausgabe des „Rolling Stone“.
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Der einsamste Redakteur der Welt…
29.12.2010 | Autor: Daniel Koch | in: Befindlichkeiten
… sitzt zwischen Weihnachten und Neujahr im Rolling Stone-Büro im Berliner Mehringdamm. Alle sind fort. Der Kicker verwaist. Die Küche unaufgeräumt und leer (bis auf der Geschirrspüler, der vor gebrauchtem Geschirr überquillt). Da hilft eigentlich nur dieser Song:
Schon besser. Danke, Jeff.
Tags: Jeff Tweedy · Wilco
„Now sweetie, please promise me / That you won’t sing /This sad song, grim augury“
29.12.2010 | Autor: Daniel Koch | in: Befindlichkeiten
Das Jahresendlistendenken treibt bei mir gerade die schwärzesten Blüten. Nach all den Charts zum besten Song, zur besten Band, zum besten Live-Act und zum besten Album habe ich mich gestern leider dazu hinreißen lassen, mir zu überlegen, was denn der traurigsten Song des Jahres ist. „Schuld“ daran war eine Bekannte, die fragte, ob ich traurige Songs kennen würde. Ihr musiknerdiger Schwarm habe ihr gesagt, „Between The Bars“ von Elliot Smith sei so traurig, trauriger ginge nicht. Sie wollte nun noch tiefer hinab steigen in die Depression und bat um Rat. Ich schickte ihr ein paar Empfehlungen, die mir danach den nicht aus dem Kopf gingen und landete bei einem Song, der zwar schon länger around ist, aber erst 2010 regulär veröffentlicht wurde: „Grim Augury“. Zu finden ist er auf dem wunderbaren – und aufgrund der seltsamen Releasepolitik von mir in meinen Jahrescharts verschmähten – „Dark Night Of The Soul“ von Dangermouse und Sparklehorse. Die beiden musizieren bei „Grim Augury“ (was ungefähr „düstere Vorahnung“ bedeutet) gemeinsam mit Vic Chesnutt. Das Ende von Mark Linkous alias Sparklehorse dürfte vielleicht bekannt sein (er erschoss sich am 06. März mit eigener Pistole in der Nähe des Hauses eine Freundes), das von Vic Chesnutt vielleicht auch (vermuteter Selbstmord Weihnachten 2009 durch eine Überdosis eines Muskelrelaxans) – da fragt man sich doch wirklich, ob man in einer Stephen King-Story gelandet ist. Vor allem, wenn Chesnutt dann auch noch singt:
„Yeah, I told ya
I told ya
I told you
Now sweetie, please promise me
That you won’t sing
This sad song, grim augury“
Hätten sie es mal nicht gesungen, denkt man da schnell – und glaubt vielleicht noch nicht volldends an düstere Vorahnungen aber zumindest doch an traurige Lieder – richtig traurige Lieder.
Dennoch, es bleibt ein wundervoller, ein herzbrechender, ein aufgrund seiner Entstehungsgeschichte tragischer Song, der einen glatt zum Heulen bringen kann. Deshalb geht die goldene Träne 2010 an „Grim Augury“, das ich nun wohl auch auf das Mixtape für meine Beerdigung setzen werde:
Daniel Koch
Tags: Grim Augury · Mark Linkous · Rolling Stone Blog · Sparklehorse · Vic Chesnutt


