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„Das politische System der USA ist kollabiert.“ Interview mit Eliot Weinberger (1)
01.11.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Allgemein, Literatur
In der aktuellen Ausgabe des ROLLING STONE gibt es ein kleines Porträt des New Yorker Essayisten, Übersetzers und Lyrikers Eliot Weinberger. Das zugrunde liegende Gespräch gibt es nun hier in zwei Teilen.
Eliot Weinberger wurde 1949 in New York City geboren. Bereits mit 19 wurde er der amerikanische Übersetzer des mexikanischen Dichters Octavio Paz. In seinen Zwanzigern studierte er Chinesisch und übertrug die Werke des Lyrikers Bei Dao ins Englische. Seit den Achtzigern glänzt er mit eigenen Essays, die unter anderem in „Lettre International“ erschienen. Faszinierende, mit der Sensibilität eines Lyrikers und dem Horizont eines Kosmopoliten verfasste Texte, die nicht nur die Grenzen der essayistischen Form, sondern auch die der Sprache neu ausloten. Einer seiner Texte, „What I Heard About Iraq“, machte eine besonders bemerkenswerte Karriere. Aus Zitaten von Politikern, Soldaten und Zivilisten hatte er ein Prosagedicht über den Irakkrieg montiert, das im Internet ein Eigenleben entwickelte und u.a. Theaterstücke, Tanzperformances, und Kunstinstallationen inspirierte. In deutscher Sprache sind von Weinberger bisher drei Bücher erschienen: „Kaskaden“ (Edition Suhrkamp), „Das Wesentliche“ und jüngst „Orangen! Erdnüsse!“ (beide in sehr schönen Editionen im Berenberg Verlag).
Das ist vermutlich Ihr erstes Interview mit dem ROLLING STONE.
EW: Ja, in den USA haben sie mich noch nicht gefragt. Wahrscheinlich würden sie mich zuerst mal nackt in fötaler Stellung fotografieren. (lacht)
Was sagt es über die US-Presselandschaft, dass Sie dort quasi nicht vorkommen und die meisten Ihrer Texte in europäischen Magazinen erscheinen?
Keine Ahnung. Vielleicht bin ich in der Übersetzung einfach besser.
Liegt es daran, dass es keine Schublade gibt, in die Ihre Essays passen – weder thematisch noch formal?
Es ist tatsächlich ein Problem in den USA, dass die meisten Magazine in ihren Formaten gefangen sind. Der New York Review of Books bringt eben nur Besprechungen, der New Yorker bringt Porträts etc. Und zudem werden die Texte redaktionell stark bearbeitet und umgeschrieben. Es gibt bei uns einfach diese Feuilletontradition nicht – literarische Autoren tauchen nicht in Zeitungen auf, um ihre Meinungen über politische oder kulturelle oder soziale Anlässe zu äußern.
In McSweeney’s Magazin “The Believer” schreiben Autoren allerdings durchaus über diese Dinge.
Ja, aber das ist eine kleine Literaturzeitschrift, es gibt jedoch kein Äquivalent zu „Lettre International“ beispielsweise. Es gibt bei uns Platz für lange journalistische Stücke, für Literaturkritik etc., aber die Meinungen von Literaten sind im öffentlichen Diskurs nicht gefragt.
Aber selbst in Deutschland hat man nicht das Gefühl, dass die Feuilletons von klassischen Intellektuellen bestimmt werden. Vielleicht gibt es die auch gar nicht mehr. Es gibt eher das, was man Medienintellektuelle nennt – Leute, die sich nach den Gesetzen der Medien als Intellektuelle inszenieren. Am deutlichsten wird es natürlich, wenn sie im Fernsehen auftreten – Leute wie Slavoj Zizek, Peter Sloterdijk … alle haben diesen nervösen Tick, als hätten sie zu viele Woody-Allen-Filme geguckt, um sich abzuschauen, was man unter einem Intellektuellen versteht.
(Lacht) Ja, wenn ich so drüber nachdenke – das stimmt tatsächlich. Mit Woody Allen ist es ja auch so eine Sache. Ich lebe in New York, bin da aufgewachsen, und egal, in welches Land ich komme, es kostet mich jedes Mal sehr viel Zeit zu erklären, dass ich Woody Allen überhaupt nicht mag, dass eigentlich niemand in New York Woody Allen mag. Und die Leute können das dann überhaupt nicht verstehen. Als ich nach Berlin flog, habe ich im Flugzeug den neuen Allen-Film „Midnight In Paris“ gesehen – sein Problem ist einfach, er kann überhaupt keine Dialoge schreiben. Jede Figur klingt wie Woody Allen, und das ist irgendwann etwas ermüdend.
Vielleicht ist er auch besser in der Übersetzung.
(Lacht) Kann sein. Er hat jetzt bestimmt 40 Filme über New York gemacht, und es ist nicht eine einzige schwarze Figur aufgetaucht oder eine hispanische oder eine Prostituierte …
Prostituierte gibt es bei ihm schon ab und zu. Und zumindest in zwei Filmen, die mir gerade einfallen, gibt es eine mit einem Afroamerikaner besetzte Nebenrolle. Aber, klar, das ist kein reales Bild von New York, soll es wohl auch nicht sein.
Seine Filme handeln von einem New York, dass es nicht mehr gibt. Das ist das New York der 70er-Jahre, das ist lange vorbei.
Allen scheint sich nach diesem New York zu sehnen. Sie offensichtlich nicht …
Nein, überhaupt nicht. Er hat halt diese Fantasie über die Intellektuellen an der Upper West Side. Mir gefällt New York heute besser – zumindest einige Teile von New York.
Wo leben Sie?
In Greenwich Village. Aber natürlich ist auch da alles total gentrifiziert. Nur noch die Reichen können in Manhattan leben. Früher haben in meinem Viertel arbeitslose Schauspieler gelebt, und die Leute haben so gegen ein Uhr nachmittags gefrühstückt. Nun sieht man Hedgefont-Manager, Filmstars und ein paar ältere Leute wie mich, die einfach geblieben sind, sonst sind alle nach Brooklyn gezogen. Dort findet mittlerweile das intellektuelle Leben statt.
Als ich die ersten Texte aus Ihrer Essaysammlung „Orangen! Erdnüsse!“ gelesen habe, kam mir dieser Satz von Wittgenstein in den Sinn: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt”. Es schien mir, als würden sie die Grenzen meiner Sprache verschieben und mir so mehr von der Welt zeigen.
Das hat wohl damit zu tun, dass ich mich mein Leben lang mit Übersetzungen beschäftigt habe. Die Übersetzung erweitert im besten Fall den Horizont der Sprache, in die man übersetzt. Ich kann neue Dinge in die englische Sprache hineinholen. Da Übersetzungen eben immer auch wie Übersetzungen gelesen werden, hat man eine gewisse Freiheit, Dinge zu tun, die in einem anderen Kontext vielleicht seltsam erscheinen würden. Außerdem habe ich den Großteil meines Lebens in New York verbracht, und das ist nun mal die Weltstadt schlechthin – fast die Hälfte der Einwohner wurde in einem anderen Land geboren, und die andere Hälfte sind deren Kinder. Da fühlt man sich als Weltbürger – jedenfalls sicher nicht als US-Bürger. Alles, was auf der Welt passiert, hat irgendwie Auswirkungen auf die Stadt.
Muss seltsam sein, in einer Stadt zu leben, die sich so sehr vom Rest des Landes unterscheidet, dass man sich in der Politik nie wirklich repräsentiert fühlt.
Ja, ich habe schon immer gedacht, New York sollte sich von den USA abspalten und ein Stadtstaat werden – so wie Singapur. (lacht) Was auch noch bemerkenswert ist an New York, ist die verfallende Infrastruktur – wenn man sich allein den JFK-Flughafen anschaut! Früher sagte man scherzhaft, Kennedy sei ein Dritte-Welt-Flughafen – mittlerweile haben allerdings die meisten Dritte-Welt-Länder einen weitaus komfortableren Airport. Auch der Personennahverkehr steht ja kurz vor dem Kollaps. Und der Grund dafür ist natürlich, dass niemand im Kongress Geld an New York gibt – die Abgeordneten wohnen alle in Montana oder sonstwo und verabscheuen New York. Im Vergleich zu den Steuergeldern, die aus der Stadt kommen, fließt ziemlich wenig zurück. New York ist vermutlich die einzige Metropole der Welt, in der seit etwa 50 Jahren keine neue Infrastruktur mehr gebaut wurde. Es gibt eine Brücke, die in den frühen Sechzigern errichtet wurde, das ist das letzte, was dort passiert ist. Seit 75 Jahren bauen sie nun schon einen neuen Streckenabschnitt der U-Bahn unter der 2nd Avenue – und nicht mal ein kleiner Teil davon ist bisher eröffnet. New York ist eine ein bizarre Dritte-Welt-Stadt.
Funktioniert die politische Öffentlichkeit der USA ausschließlich über das Fernsehen?
Ja, klar. Eine Zeitungskultur gibt es nur in wenigen Städten. Aber es ist eben eine bestimmt Art von Fernsehen – die „Fox“-Nachrichten mit ihrer Sensationsgier. Dadurch kommen dann auch obskure Randgestalten in die Öffentlichkeit wie dieser Typ aus Florida, der eine sogenannte Kirche hat und vermutlich so um die zehn Leute, die ihm folgen. Und er kündigt an, er werde den Koran verbrennen. Normalerweise wäre das nicht mal eine Nachricht – irgendein Verrückter, der irgendwo an einer Ecke steht. Aber plötzlich wird das ein großes Ding im Fernsehen und führt zu weltweiten Demonstrationen. So verwandelt sich Sensationsgier in Nachrichten. Und deshalb sind auch die meisten Kandidaten der republikanischen Partei Verrückte. Leute, die im Grunde genommen die gesamte Regierung abbauen wollen – es gab in den USA immer irgendwelche Randfiguren im Untergrund, die das gefordert haben, aber jetzt stehen sie im Rampenlicht.
Welche Rolle spielt denn das Internet für die politische Kultur der USA?
Es gab diese Zeit– kurz nach 9/11 –, als die großen Medien einfach nur das wiederholten, was der Präsident sagte. Das war schon ein bisschen wie in der Sowjetunion. Deshalb waren wir alle auf das Internet angewiesen, um die internationale Presse zu lesen. Das war die einzige Quelle oppositioneller Informationen. Es ist fast vollkommen unmöglich sich vorzustellen, wie wir die Bush-Ära ohne das Internet hätten durchstehen sollen. Das war unsere Lebensader. Erst nach dem Hurricane Katrina wurden die Medien wieder skeptischer gegenüber der Bush-Regierung. Für den Journalismus ist das Internet ein Segen, weil es voller investigativer Journalisten ist, die kaum zu kontrollieren sind. Die Aufdeckung der meisten politischen Skandale der letzten Jahre nahm in den USA ihren Ausgangspunkt im Internet. Eine autoritäre Gesellschaft ist auf die Kontrolle von Information angewiesen. Die Frage ist nun, wie kann man die autoritäre Gesellschaft fortführen, wenn sich die Informationen nicht mehr kontrollieren lassen. Das ist gerade ein großes Problem in China, weil die Hacker immer einen Schritt schneller sind als die Regierung.
Haben Sie mal überlegt, einen Blog zu schreiben?
Die Originalversionen der politischen Artikel, die ich für ausländische Publikationen schreibe, schicke ich per Email an Freunde. Das ist der beste Weg zu publizieren, weil die Leser mit ihren Forward-Button abstimmen. Wenn es ihnen gefällt, leiten sie es weiter. So haben einige der Texte sich im Internet quasi verselbständigt. Speziell die Dinge, die ich über den Irakkrieg geschrieben habe, haben sich im großen Stil verbreitet. Ein Typ in Los Angeles machte daraus ein Theaterstück, das dort für sieben Monate lief, dann tourte es durch England, wurde zu einem BBC-Hörspiel … in Australien machte ebenfalls jemand ein Hörspiel daraus. Außerdem entstanden daraus Tanz-Performances, Kunstinstallationen, das Berliner Literaturfestival organisierte eine weltweite Lesung an hundert verschiedenen Orten – Beirut, Kalkutta und so weiter. Meine Rolle bestand lediglich darin, jedem die Erlaubnis zu geben, der danach fragte. Der Grund für diesen Zuspruch war wohl einfach, dass es sonst keine literarischen Texte zu dem Thema gab.
Sie haben früher kaum über die USA geschrieben – eher über China, Indien, Mittelamerika …
Ja, das hat sich mit dem Amtsantritt von George W. Bush geändert. Da staute sich eine Wut auf, und ich schrieb mehr über Amerika. Nach 9/11 war ich dann eine Art Amerika-Korrespondent für europäische Publikationen. Nach der Wahl von Obama war ich nicht mehr wütend und habe damit wieder aufgehört. Doch nun kommt die Wut zurück, und ich beginne von Neuem, über Politik zu schreiben.
Liegt das an den verrückten Republikanern oder auch an Obama selbst?
Als Obama gewählt wurde, schien es eine kurze Zeit, als könnten die USA ein normales Land mit einem normalen Präsidenten werden. Er ist artikuliert und brillant und dazu noch sehr vernünftig. Aber es hat nicht lange gedauert, bis die Verrückten zurückkamen. Und nun ist alles außer Kontrolle, denn die Republikaner sind von Leuten übernommen worden, die man nicht mehr als Konservative bezeichnen kann, eher als ultrarechte Anarchisten. Solch extreme Elemente haben noch nie die Macht über eine der beiden großen Parteien übernommen. Das hat natürlich auch zu einer enormen Störung der Regierungstätigkeit geführt – denn diese Leute glauben einfach nicht an Kompromisse. Im Wesentlichen bedeutet das: Sie sind einfach gegen alles, was Obama macht – selbst wenn sie vor einer Woche noch das Gegenteil behauptet haben. Das politische System ist quasi kollabiert – nichts kann mehr angefasst werden. Diese Leute glauben tatsächlich an den völligen Abbau der Regierung – mit Ausnahme des Militärs. Michelle Bachmann hat neulich gesagt, die Leute sollten keine Steuern mehr zahlen. Sie glauben an den Abbau des Bildungsministeriums. Selbst die geringe Sozialfürsorge, die alten Menschen in den USA zusteht, ist vor ihnen nicht sicher. Die Familie sollte sich um die alten Leute kümmern.
Der absolute Laissez-Faire-Kapitalismus.
Ganz genau. Nicht einmal Aufsichtsbehörden soll es geben – niemand sollte das zum Verzehr gedachte Fleisch überprüfen oder die Emissionen von Fabriken. Man kann sie also nicht mal konservativ nennen, denn die Konservativen glauben an die Bewahrung des Status Quo mit kleinen Veränderungen. Diese Leute wollen dagegen einfach alles abbauen. Und die Republikaner haben bisher keine vernünftige Person gefunden, die die Wahl gewinnen kann. Wir haben ja das System der Primaries, um die Kandidaten der Parteien zu nominieren. Und nur Fanatiker wählen in den Primaries. Deshalb entwickeln sich die Republikaner immer weiter in die rechte Ecke. Deshalb gibt es keine vernünftigen Republikaner mehr: Sie können sich einfach bei den Vorwahlen nicht durchsetzen. Aber die meisten Menschen in den USA sind nicht so verrückt, und deshalb werden sie diese Leute auch nicht wählen. Die gute Nachricht ist also, dass Obama es bei der nächsten Wahl ziemlich leicht haben wird. Wenn sie einen normalen, langweiligen Republikaner finden würden, sähe das anders aus.
(Interview: Maik Brüggemeyer)
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Tomas Tranströmer hat den Nobelpreis für Literatur gewonnen
06.10.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Allgemein, Literatur
Halten wir fest: Philip Roth hat den Literaturnobelpreis wieder nicht bekommen.
Der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer ist ein würdiger Preisträger, auch wenn ich – außer auf den Webseiten von englischen Wettbüros – noch nie etwas über ihn, geschweige denn von ihm gelesen hat.
Bob Dylan, der von den englischen Buchmachern heiß gehandelt wurde
Bob Dylan, der sich weigert, seine Texte auf die Plattenhüllen zu drucken
Bob Dylan der „moon“ auf „spoon“ reimte, „my“ auf „pie“ und „cousin“ auf „buzzin’“
Bob Dylan, der seine Melodien und Texte zusammenmontiert aus den Melodien und Texten anderer Leute
Bob Dylan, der Copy/Paste erfunden hat, bevor jemand die Tastenkombination Strg+C/Strg+V kannte
Bob Dylan, der Triviales und Hochgeistiges, Literarisches und Cineastisches, lang Vergangenes und kaum Geschehenes mittels seiner Stimme zu einer Geschichte formen kann
Bob Dylan, der Stimmenimitator und der Maskenmann
Bob Dylan, der Erzähler
Bob Dylan, den wir nicht verstehen, weil seine Texte nicht aus Worten und Sätzen bestehen, sondern aus Silben und Lauten
Bob Dylan, der manchmal von der Sprache zu singen scheint, nicht von ihrer Bedeutung
Bob Dylan, der einem die Augen und Ohren nicht durch das öffnet, was er singt, sondern dadurch, wie er es singt
Bob Dylan, der Heimatlose
Bob Dylan, die Spur
Bob Dylan, der Bob Dylan singt, wir nur Bob Dylan Bob Dylan singen kann
Dieser Bob Dylan hat den Nobelpreis für Literatur in diesem Jahr nicht bekommen
Was ein bisschen schade ist, denn das hätte zumindest zu einigen Diskussionen geführt. So hat man morgen die ganze Zeremonie schon wieder vergessen. Auf den Titelseiten wird Steve Jobs (R.I.P.) stehen. Bob Dylan selbst wird es recht sein. Seine Unlust auf akademische Weihen und sonstige Ehrungen hat der Pulitzer-Preisträger schon des öfteren unter Beweis gestellt. Die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Princeton University 1970 verarbeitete er in seinem Song “Days Of The Locusts”.
“Oh, the benches were stained with tears and perspiration
The birdies were flying from tree to tree
There was little to say, there was no conversation
As I stepped to the stage to pick up my degree …”
Und er war schon damals froh, als er die universitären Hallen wieder verlassen konnte.
“I put down my robe, picked up my diploma
Took hold of my sweetheart and away we did drive”
Bob Dylan spielt heute abend in Dublin.
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Literaturnobelpreis 2011. Die Nominierten
03.10.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Literatur
Am Donnerstag wird wieder einmal der Nobelpreis für Literatur vergeben. Ich weiß gar nicht, warum man da jedes Jahr wieder hinschaut, um dann hinterher doch wieder in den alten Post-Preisverleihungsdiskurs zu verfallen, der ungefähr so geht:
1. Philip Roth hat ihn wieder nicht bekommen.
2. All die Großen haben ihn nicht bekommen (was ja nicht mal stimmt, siehe Hamsun, Mann, Eliot, Faulkner, Hemingway, Beckett, Bellow, Coetzee etc).
3. Der Nobelpreis für Literatur ist kein literarischer, sondern ein politischer Preis.
4. Wieder ein würdiger Preisträger dieses Jahr, auch wenn man noch nie was von ihm gehört, geschweige denn gelesen hat.
Kann natürlich sein, dass die Akademie doch ein Einsehen hat und Roth den Preis jetzt, wo Updike tot ist, als einer der letzten Vertreter seiner Art (unglaublich amerikanisch, unglaublich männlich) doch noch bekommt. Dann aber sicher für die falschen Romane. Auch Cormac McCarthy wird in den Wettbüros zurzeit heiß gehandelt. Der letzte amerikanische Preisträger ist auch schon wieder eine Weile her (Toni Morrison, 1993). Wäre ja eine nette Geste, jetzt wo das mit dem Weltmacht-Sein allmählich zuende geht … Wobei Don DeLillo oder Thomas Pynchon sicher die inspiriertere Wahl wären. Auch Bob Dylan wird mal wieder gehandelt. Aber das ist natürlich ein Missverständnis. Wo es doch seit neuestem keine Rolle mehr spielt, ob der Preisträger noch unter den Lebenden weilt, wäre vielleicht Roberto Bolano eine gute Alternative.
Falls das Komitee um Per Wästberg noch Anregungen braucht, hier wären meine Favoriten:
1. Der amerikanische Essayist und Übersetzer Eliot Weinberger, der schon seit langer Zeit die alte Morrissey-Weisheit „America Is Not The World“ beherzigt. Zudem sind seine lyrischen Texte über Götter und die Welten der reinste Genuss.
2. William T. Vollmann, der mindestens so männlich und so amerikanisch ist wie Philip Roth, John Updike und Cormac McCarthy zusammen (er schrieb einen Romanzyklus über Männer und Prostituierte, einen anderen über die Besiedlung des amerikanischen Kontinents), und manchmal gar mit geladener Knarre zur Lesung erscheint. Seine weit über 3000 Seiten starke akribische Abhandlung über Gewalt, „Rising Up, Rising Down“, hat jeden Preis der Welt verdient. Sein „Europe Central“ ist vermutlich einer der packendsten Romane über den Zweiten Weltkrieg überhaupt.
3. Peter Handke – warum? Weil er die schönste Sprache von allen hat – sublim und surreal. Weil er der formal und inhaltlich spannendste und mutigste deutschsprachige Schriftsteller seiner Generation ist. Weil man die (politische) Begründung gerne lesen würde. Weil er vermutlich ablehnen würde.
4. Der umstrittene niederländische Großschriftsteller Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden (kurz: A.F.Th.), der mit seinem Romanzyklus „Die zahnlose Zeit“ einen bilderreichen, sprachmächtigen, dionysischen Romanzyklus verfasst hat, der alle weiteren Coming-of-age-Romane quasi obsolet macht. Nun misst er sich in seinem zweiten Romanzyklus “Homo Duplex” nobelpreiswürdig nur noch mit den griechischen Göttern.
5. Der Engländer Howard Jacobson, der seit vielen vielen Jahren außerhalb seiner Heimat fast unbemerkt einige der komischsten, gewitztesten Romane darüber geschrieben hat, was es heißt, im Hier und Jetzt zu leben.
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Bachmannpreis 2011: Heimsieg in Klagenfurt
10.07.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Literatur
Am Morgen schon konnte man in der FAS die persönliche Bilanz lesen, die die Jungautorin Antonia Baum nach den diesjährigen Tagen der deutschsprachigen Literaturkritik in Klagenfurt zieht. Sie echauffiert sich über Literaturvollzugsbeamte, die Texte einsargen, die „Bernhard-Messe“ feiern, den „Schnitzler-Weihrauch“ schwenken und die „Bachmann-Hostie“ essen. Die Erfahrung, sich selbst beim Wettlesen vorzuführen, um anschließend von der Kritikerjury vorgeführt zu werden, hat wohl ihre Spuren hinterlassen. Doch so sehr sich Baum an ihrer Suada gegen das Literaturestablishment und die Generation ihrer literarischen Mütter und Großväter berauscht, desto mehr schreibt sie sich selbst hinein in diese Tradition – lauter Bernhard-Sätze und Goetz-Beobachtungen lugen da aus ihrem Text hervor, wenn auch noch nicht ganz so kaltblütig und hitzköpfig exekutiert.
Es ist natürlich tatsächlich ein bisschen zum Aus-der-Haut-fahren, dass wiederum – wie schon im vorigen Jahr – die junge Generation der Autoren bei der Preisvergabe übergangen wurde. Während der in der Breite verhältnismäßig schwache letzte Jahrgang allerdings auch kaum einen anderen Sieger als Peter Wawerzineks Auszug aus seiner literarischen Symphonie „Rabenliebe“ zugelassen hatte, gab es in diesem Jahr einige starke Texte von literarischen Newcomern. Leif Randt und Thomas Klupp etwa brachten mit ihren unterhaltsamen Gegenwartssatiren die Lust und den Spaß am Wettlesen zurück nach Kärnten, Steffen Popp gab einem den Glauben an die Provinzliteratur zurück, die in den letzten Jahren doch allzu sehr vor Hund, Fuchs und Hase gekommen schien, und Nina Bußmanns ungemein grandios beobachteter Text über das irgendwie intime Verhältnis zwischen einem Lehrer und seinem hochbegabten Schüler hätte alle Auszeichnungen der Welt verdient gehabt.
Gewonnen hat den Bachmannpreis schließlich die Österreicherin Maja Haderlap, die in Klagenfurt lebt und somit sozusagen ein Heimspiel hatte. Ihr Text „Im Kessel“ erzählt anhand des Schicksals einer Familie vom slowenischen Partisanenwiderstand gegen das Deutsche Reich. Man muss da natürlich an Peter Handke denken, der dieses Thema bereits – ebenso wie Haderlap mit autobiografischem Hintergrund – in „Die Wiederholung“ und „Immer noch Sturm“ aufgriff.
Ohne Frage, „Im Kessel“ ist ein historisch und poetisch bedeutsamer Text, ein in kostbare Sprache gefasstes Stück Vergangenheit. Doch die Anstrengung, zumindest Teile der längst unlesbar gewordenen Welt der Gegenwart zu erschließen und wieder lesbar zu machen, hätte auch mal einen wichtigen Preis verdient.
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Sie wollen uns erzählen – Bachmannpreis 2011
03.07.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Allgemein, Literatur
Ach, das Schriftstellerleben muss herrlich sein! Dem Alltag entfliehen, aufs Wasser starren, in den Wald gehen, in den Streichelzoo, ein bisschen Yoga für das innere Gleichgewicht, ab und zu im Kaffeehaus ein paar Leuchtchen belauschen und ganz ganz viel über sich selbst und sein Schreiben nachdenken. So jedenfalls inszenieren sich – mit wenigen Ausnahmen – die Autoren, die bei den diesjährigen Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt im Wettbewerb um den Bachmannpreis antreten, in ihren für den ORF-produzierten Vorstellungsvideos.
Das Schreiben sei ihnen eine innere Notwendigkeit, sagen sie. Von Sehnsucht ist viel die Rede und von Schmerzen. Scheinbar autistische Autoren-Ichs, die mit der Gesellschaft nicht sonderlich viel zu tun zu haben scheinen. „Ich hab das oft gehabt … beim Schreiben … dieses Gefühl – will das jemand noch mal wissen?“, fragt sich da etwa vermutlich nicht ganz zu unrecht die junge Autorin Antonia Baum.
Nun weiß man natürlich, dass das Fernsehen ein ziemliches armseliges Medium ist, flüchtig und schriftlos, ein großer Tiefgründigkeits- und Inhaltsvernichter, eine Klischeereproduktionsmaschine. Und darum tun einem die Autoren auch ein bisschen leid, wenn sie sich da so naiv und ungeschützt vor die Kamera stellen, um anscheinend stante pede das Unsagbare zu formulieren. Selbst die Ironisierungsstrategien von Thomas Klupp, Nina Bußmann und Leif Randt wirken ein bisschen hilflos. Der Österreicher Daniel Wisser entzieht sich des Aussagezwangs mithilfe seiner elektronische Musik und wirkt ein bisschen eitel. Lediglich zwei Autoren machen eine gute Figur. Thomas Popp, der ganz auf eine Videovorstellung verzichtet, und Maximilian Steinbeis, Autor des unheimlichen Heimatromans „Pascolini“, der sich im Berliner Regierungsviertel filmen ließ und kluge Sachen sagt zum Verhältnis von Journalismus und Literatur, Rationalität und Fantasie.
Ab Donnerstag, 10.15 Uhr, werden die insgesamt 14 Teilnehmer vor die siebenköpfige Jury unter dem Vorsitz von Burkhard Spinnen treten und ihre Texte vortragen. Hoffen wir mal, dass die ein bisschen welthaltiger, origineller, unbequemer und komischer ausfallen als die Selbstvorstellungen. Und natürlich hoffen wir auf unterhaltsame und erhellende Jury-Diskussionen.
Ob es wieder so schön wird wie früher mal?
PS: Und so sehen Literaturwettbewerbe in England aus:
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Jay-Z, Keith Richards und Gott frei Haus
10.05.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Allgemein, Literatur, Netzfundstück
Wollten Sie schon immer wissen, worum es in “99 Problems” von Jay-Z geht? Warum sich Keith Richards in seiner Jugend in öffentlichen Bibliotheken rumtrieb (ohne von der Leiter zu fallen)? Wie Lou Reed und Moe Tucker den ersten Gig von The Velvet Underground überstanden? Was der slowenische Dampfphilosoph Slavoy Zizek zu Gott zu sagen hat und Jonathan Lethem zum magischen Realismus?
Kann man alles im wundervollen Podcast der New York Public Library erfahren (einfach über iTunes kostenlos downloaden/abonnieren). Die etwa einstündigen Gespräche werden meist vom enthusiastischen Direktor des öffentlichen Bildungsprogramms der NYPL Paul Holdengräber moderiert, doch auch Kollegen des US-Rolling-Stone wie David Fricke und Anthony DeCurtis stellen hier fachkundige Fragen.
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Peter Wawerzineks Ostergruß
18.04.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Allgemein, Literatur
Peter Wawerzinek, im letzten Jahr Gewinner des Bachmann Preises und Autor des von der Kritik gefeierten “Rabenliebe”, hat geschrieben. Ach was, er hat gereimt. Einen Ostergruß. Bitte sehr:
OSTERGRUSS an ALLE /
ist ostert
es ostert
von
westen her
von
nordschweden
aber
es ostert und
es ostert noch
für jeden
es ostert zu
ostern
auch von
südsüdost
selbst
für
looser
für den
menschlichen
rost
für all
the for ever
lost
es ostert
in allen
ritzen
es ostert
beim hasen
in vielen
ställen
und ostert
in den vasen
ostert am
rasen
in krügen
flaschen
selbst in den
zugenähten
hintertaschen
hat man
zu ostern
den
frühling
sitzen
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Als die Autorenbilder laufen lernten
19.03.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Literatur

Die Buchmesse in Leipzig wird gerne als das gemütlich-familiäre Gegenstück zur Großmesse in Frankfurt im Herbst beschrieben. Hier mischen sich Geschäft und Lust an der Literatur. Endlich kann man als Leser mal sehen, wie die Autoren in Farbe und mit Unterleib aussehen. Das literarische Wunderkind aus Österreich, Clemens J. Setz (erhielt für „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ den Preis der Leipziger Buchmesse), steht vor einer Wand mit Max-Frisch- und Michel-Foucault-Büchern am Suhrkamp-Stand, Hellmuth Karasek („Im Paradies gibt’s keine roten Ampeln“) klagt am Hoffmann-und-Campe-Stehtisch über die Messeanstrengungen, Peter Stamm („Seerücken“) trinkt Kaffee, Mathieu Carriere („Im Innern der Seifenblase“) fläzt sich erschöpft neben Dieter Moor auf einem Sofa, Karen Duve („Anständig essen“) eilt, Veronica Ferres („Kinder sind unser Leben“) walkürt vorbei, Tino Hanekamp („Sowas von da“) will was essen.
(Clemens J. Setz approximately)
Aber man sieht die Autoren nicht nur, man hört sie auch. Denn eigentlich ist die Leipziger Buchmesse vor allem eine riesige Medienveranstaltung. Hier gibt es mehr Kameras als Crêpe-Stände (und die gibt es an jeder Ecke). Das ZDF hat sein Blaues Sofa aufgebaut, arte, 3Sat und der MDR haben jeweils eine Bühne, die ARD gleich zwei, nachdenkliche Menschen sinnieren an Radiosenderständen, vor Lokalfernseh- und Internetmagazinmikrofonen … Und so ist ein Gang über die Buchmesse eine Art akustische Collage aus Journalistenfragen und Autorenantworten, die – je nachdem, wie schnell man unterwegs ist – oft nicht so recht zusammenpassen. „Wie gefällt Ihnen die Messe bisher?“ –„Es ist schwierig, sein eigenes Werk zu analysieren.“ – „Wie sind sie auf diesen Stoff gekommen?“ – „In Berlin kann man es sich nicht leisten, erwachsen zu werden.“ – „Warum schreiben Sie?“ – „Schreiben macht einsam.“ – „Hat Ihr Buch einen moralischen Kern?“ –„Verliererfiguren sind immer interessanter.“ – – „Haben Sie viel recherchiert?“ – „Ich lasse mich von meiner Kreativität überraschen.“ – „War es schwierig, sich in diesen kindermordenden Centauren mit seiner Vorliebe für Bach und Sodomie hineinzuversetzen?“ – „Ich schöpfe da natürlich auch aus eigenen Erfahrungen, aus meiner Lebenswelt.“
Und über das eigene Metier erfährt man auch noch etwas. In einem schönen neuen Gedichtband von Dietmar Dath:
Die Blogger spinnen zittrig Flimmerzeilen
Ephemeriden ohne Sternzeitzahl
Bei keinem Hyperlink darfst du verweilen.
Soziale Netze, plötzlich asozial.
(aus: „Editorial Content“, in: „Gott ruft zurück“, Connewitzer Verlagsbuchhandlung)
Tags: Dietmar Dath · Karen Duve · Leipziger Buchmesse · Max Frisch · Veronica Ferres
Neues aus der Niemandsbucht
17.03.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Literatur
Gestern begonnen “Der große Fall”, die neue Erzählung von Peter Handke, zu lesen. Ganz fantastisch! Da macht sich wieder einer auf den Weg – so wie früher auf Blumfeld-Platten. Erinnert bisher tatsächlich ein bisschen an “Verbotene Früchte”, das Buch. Nur Schade, dass Handke dort schon eine für unsere Septemberausgabe geplante Geschichte verrät, von der ich ihm erzählte, als ich ihn zufällig bei einem sonntäglichen Spaziergang traf (er stand andächtig, einen großen Hut, an dem eine Falkenfeder steckte, auf dem Kopf, am Rande einer Waldlichtung). Das hätte eine Überraschung werden sollen.
“Der eine Pilzsucher hatte Musikstöpsel im Ohr, und erklärte, nachdem er die beim Grüßen herausgenommen hatte: Äugen nach Pilzen und Musikhören – vor allem die von John Cage und Morton Feldman – ergänzten einander wie fast nichts sonst. Noch besser zu dem Ausschauhalten nach den Sommerpilzen jetzt passe das Westernlied vom ‘Summer Wine’. Es war ein junger Mensch, der ihm das anvertraute, und der war sich sicher, daß sein Beispiel, mit einem Musikhelm auf ‘Pilzjagd’ – so drückte er sich aus – zu gehen, Schule machen würde. Er habe eine Serie von Artikeln veröffentlicht, was man auf diese Weise alles, und wie zum ersten Mal, erleben könne, nein, nicht in einem Pilzmagazin, im ‘Rolling Stone’, und seitdem wandelten in ganz Europa junge Leute, statt mit dem Scheppern aus ihren Kopfhörern die Mitfahrer in den Zügen und U-Bahnen zu nerven, die Augen still zu Boden gerichtet und ebenso still den wenigen Tontropfen, nur ihnen selber hörbar, lauschend –, das eine Aufmerken gäbe das andere, und umgekehrt, und all die Rauschpilze seien nichts dagegen und prompt aus der Mode gekommen.” (aus: Peter Handke: “Der Große Fall”, S. 93f)
Tags: Der große Fall · John Cage · Morton Feldman · Peter Handke · Summer Wine
Bringing It All Back Home
10.03.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Allgemein, Literatur
Gestern im Maxim-Gorki-Theater: Premiere von Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“. Klar, den Roman gibt’s schon seit über 60 Jahren. Und er galt – wenn man Experten glauben darf – nicht gerade als der größte Wurf des Autors, der mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen hieß und kurz vor der Veröffentlichung des Buches 1947 starb.
Im Ausland sah man das aber wohl ein bisschen anders – in den letzten Jahren entwickelte sich der Roman überraschenderweise zum Bestseller. Zunächst unter dem Titel „Seul Dans Berlin“ in Frankreich, dann in England, wo von „Alone in Berlin“ über 300.000 Exemplare verkauft wurden, schließlich auch in den USA und Israel. Primo Levi nannte „Jeder stirbt für sich allein“ sogar „Das beste Buch, das je über den deutschen Widerstand geschrieben wurde“. Die deutschen Rechte am Roman liegen beim Aufbau Verlag, und dort war man natürlich hocherfreut über diese Entwicklungen. Man schaute noch mal ins Archiv, fand das Original-Typoskript, verglich es mit der veröffentlichten Fassung und stellte fest, dass es da einige beträchtliche Abweichungen gab.
Johannes R. Becher, Dichter, Mitbegründer des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands und späterer DDR-Kulturminister, hatte Fallada den Stoff kurz nach dem Zweiten Weltkrieg quasi aufgedrängt. Er ließ ihm eine Gestapo-Akte über ein Ehepaar aus Berlin bringen – Otto und Elise Hampel. Die beiden hatten zwischen 1940 und 1942 Postkarten und Handzettel verteilt, auf denen sie zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus und zur Behinderung der Kriegsplanungen aufgerufen hatten. Eine in ihrer Wirkungslosigkeit absurd-komische Aktion, die ihnen schließlich den Tod im NS-Strafgefängnis Plötzensee brachte (heute, in Zeiten von Facebook ist eine virale Guerilla-Taktik wie diese – siehe Nordafrika – natürlich eine extrem wirkungsvolle Methode des Widerstands). Fallada nahm sich zunächst widerwillig des Stoffes an, wurde aber schließlich so in ihn hineingezogen, dass er die über 650 Seiten innerhalb von vier Wochen runterschrieb und dann – mit ersten Korrekturen – diktierte.
Der Autor hatte die Quangels – so heißen die Hampels in seinem Roman – nicht als unbelastete Menschen darstellen wollen, sondern als Mitläufer, die sich nach und nach befreien. Doch das wollte man in Zeiten der Entnazifizierung nicht lesen. Lektor Paul Wiegler griff ein und strich mehrere Passagen (darunter ein ganzes Kapitel), die das Ehepaar in weniger gutem Licht darstellten. So gesehen ist die Vorstellung des Original-Textes von „Jeder stirbt für sich allein“, der nun im Aufbau Verlag erscheint, nicht nur eine echte Buchpremiere, sondern das, was man vermutlich eine literarische Sensation nennt.
Ich bin erst auf Seite 250 oder so, aber Falladas rauschhaftes, assoziativ zwischen den vielen Figuren des Romans hin- und herspringendes Schreiben hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Vielleicht hilft es da auch, dass der Handlungsort (die Quangels wohnen in der Jablonskistraße 55) nur zwei Straßen von meiner Wohnung entfernt liegt. Jedenfalls ist „Jeder stirbt für sich allein“ eine packende Geschichtsstunde, ein spannender, tragikomischer Thriller, eine Lehrstunde des Erzählens und ein echter Page-Turner.
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