Die Einträge der Rubrik: 'Rock am Ring 2011'
Rock am Ring Daily: Das „Chop Suey!“-Schlachtfest zum Finale
06.06.2011 | Autor: Daniel Koch | in: Rock am Ring 2011
Unser Autor Ben Foitzik ist gerade müde und erschöpft auf dem Heimweg: Den letzten Festivalblog lieferte er dennoch pünktlichst. Zum grande Finale gab es ein „Chop Suey!“-Schlachtfest mit den frisch wiedervereinten System Of A Down. Trial Of Dead, unten im Bild, spielten trotz großer Show leider vor sich lehrenden Rängen.
Auf zum letzten Gefecht: Ein schon jetzt an Höhepunkten reiches Festivalwochenende geht seinem großen Finale entgegen und wird mit dem Gig der wiederbelebten System Of A Down einen mehr als würdigen Höhepunkt erleben – soviel kann man wohl ruhigen Gewissens vorwegnehmen (und weniger hätte ohnehin niemand erwartet). Doch bevor sich die vielleicht wichtigste Metal-Band der vergangenen Dekade die Ehre gibt, buhlen andere Combos um die Ohrengunst des Publikums: Auf der Centerstage versuchen sich die US-Überflieger Avenged Sevenfold in (zu?) großen Rockposen, auf der Alternastage feuern deren (nicht minder testosterongeladene) Landsmänner Alter Bridge übersaftige Rocksalven in die Menge, und die dänischen Rock-am-Ring-Dauergäste Volbeat, die sich vor ein paar Jahren noch mit einem Nachmittagsslot begnügen mussten, stellen am frühen Abend einmal mehr unter Beweis, dass sie ihr Publikum auch auf großen Bühnen im Handumdrehen in ihren Bann ziehen können. Auch der wie prophezeit eintretende Hagelschauer hält die sympathischen Dänen und ihre vielen, vielen Fans nicht davon ab, gemeinsam ein rauschendes Musikfest zu feiern.
Danach heißt es: Beatsteaks oder BossHoss? Eine Frage, auf die das Rock-am-Ring-Publikum eine klare Antwort hat: Während nämlich die Western-Cover-Combo vor verhältnismäßig kleinem Publikum ihre Country-Show abzieht, fahren die Beatsteaks auf der Centerstage ihre gewohnte energetische Show ab! Vom Entertainment-Faktor sind die fünf Berliner schlicht und ergreifend eine überwältigende Macht, wie ihre mit sämtlichen Hits gespickte, das Publikum in die Raserei treibende Performance einmal mehr verdeutlicht. Die Tradition hält: Jedes Festival mit den Beatsteaks ist ein gutes Festival – und die Auftritte beim Rock am Ring sind längst so etwas wie ein Heimspiel. Selbst wenn Sänger Arnim im Leben nur einmal im Leben selbst als Gast auf einem Festival war.
Wirft man anschließend einen Blick gen Himmel, meint man, ein Déjà-vu vom Vortag zu erleben: Eine pechschwarze Wolkenfront schiebt sich langsam aber sicher über den klaren Abendhimmel und erobert unerbittlich das Firmament. Kurz nach dem aufwühlenden Gig von Dredg und pünktlich zum Auftritt der US-Mainstreamschwimmer 3 Doors Down ist es dann so weit: Der Himmel öffnet seine Schleusen und macht das, was er auch gestern zur gleichen Zeit getan hat – den Nürburgring (und seine Headliner) verschlingen. Doch wie schon am Tag zuvor erweist sich die zähe Ring-Gemeinde als unglaublich standfest und versammelt sich schließlich um 22:30 Uhr zum kollektiven „Chop Suey!“-Schlachtfest vor der Haupttribüne.
Dort entfachen die Herren Serj Tankian, Daron Malakian, Shavo Odadjian und John Dolmayan ein von vorne bis hinten absolut perfekt arrangiertes Konzert und lassen bei vielen SOAD-Fans die letzten Dämme brechen. Mehrere Circle Pits bilden sich selbst in den hintersten Regionen der gewaltigen Menschenmasse, die den prasselnden Regen ignoriert und bei Hymnen wie „Psycho“, „Chop Suey!“ oder „Toxicity“ zum explodierenden Mob mutiert. So laut wie heute hat man hier wohl selten eine in absoluter Verzückung schwelgende Menschenmasse schreien gehört. System Of A Down sind am Leben, und Rock am Ring hat es am eigenen Leibe erfahren – groß!
Als der finale Akkord verklungen ist, stürmen die wieder einmal komplett durchnässten Horden Richtung Ausgang und lassen dabei die faszinierenden …And You will Know Us By The Trail Of Dead links liegen, die vor ca. 50 Zuschauen performen und davon sichtlich genervt sind. Auf der Alternastage beenden schließlich die Mittelalter-Rocker In Extremo das diesjährige Rock am Ring Festival, das offiziell gut 84.000 Zuschauer angezogen hat und den meisten davon in bester Erinnerung bleiben dürfte. Und nach einer siebenstündigen Fahrt durch die Nacht sitzt man plötzlich wieder am Schreibtisch und merkt mehr als deutlich, was einem jetzt noch zum Glücklichsein fehlt: Schlaf.
Ben Foitzik
Tags: Beatsteaks · Rock am Ring · System Of A Down · Volbeat
Rock am Ring Daily: Am Sonntag nach der Flut
06.06.2011 | Autor: Daniel Koch | in: Rock am Ring 2011
Das Unwetter ist abgezogen – stattdessen zog Vorfreude auf: Marek Lieberberg nutzte die traditionelle Pressekonferenz, um gleich den ersten Headliner des nächsten Jahres anzukündigen. Unser Autor und Fotograf Ben Foitzik war dabei, als die Toten Hosen dann auch gleich persönlich auftauchten.
Der Nürburgring tut heute, als wäre nichts gewesen: Wo gestern noch Sturzbäche über die Asphaltdecke fluteten, sitzt heute frühes Festivalvolk gemütlich in der Sonne. So gut wie keine Spuren davon, dass hier gestern Nacht das pure Chaos herrschte. Mit bangen Blicken schaut man himmelwärts: Wuschige Wolken türmen sich auf, aber wir wollen ja nicht schwarzmalen. In der Presse-Lounge kursieren die ersten Gerüchte – hageln soll es heut Abend. Egal, im Zweifelsfall lieber ein bisschen Hagel als Regenfluten biblischen Ausmaßes!
Musikalisch vertreibt man die Katerstimmung des letzten Festivaltags am besten mit den Briten Black Spiders, die um 14:30 Uhr vor einer Hundertschaft auf der Clubstage spielen und trotz des mageren Zulaufs Vollgas geben. Das rockt, das rollt, das macht Spaß! Auf der Bühne nebenan geht Schauspieler Tom Beck („Alarm für Cobra 11“!) etwas gemächlicher zur Sache, überrascht aber mit gefälligem Singer/Songwriter-Rock. Ideales Warm-up-Programm für die nach zwei Tagen Festivalbetrieb dann doch schon merklich ächzenden Gliedmaßen.
Danach geben sich die Waliser Funeral For A Friend die Ehre, die eine lange stilistische Reise hinter sich haben und vermutlich selbst nicht so genau wissen, in welcher Szene sie sich eigentlich zu Hause fühlen. Zwar mühen sie sich redlich, doch der Funke will nicht wirklich überspringen – vor ein paar Jahren jedenfalls hat diese Band noch deutlich mehr Spaß gemacht. Also schnell zur Hauptstage, wo die Spaßgaranten Millencolin vor erstaunlich vollen Rängen routiniert ihr Programm durchziehen und die Menge zur kollektiven Aufwärmgymnastik laden. Sogar einen achtbaren Circle Pit können die engagierten Schweden initiieren – Respekt, denn daran sind in diesen Tagen schon ganz andere gescheitert.
Wirklich denkwürdig ist der Nachmittag des Rock-am-Ring-Abschlusstags jedoch nicht – stattdessen regiert einmal mehr die Vorfreude auf ein fulminantes Abendprogramm: Volbeat, die Beatsteaks und natürlich die wiedervereinten System Of A Down werfen bereits ihre großen Schatten. Und Die Toten Hosen. Die Toten Hosen?! Richtig gehört – soeben wurde verkündet, dass die Düsseldorfer das Rock am Ring und Rock im Park 2012 headlinen werden! Wenn das mal kein Grund zur (längerfristigen) Vorfreude ist…
Tags: Die Toten Hosen · Rock am Ring 2011 · System Of A Down
Rock am Ring Daily: Coldplay und der Weltuntergang
05.06.2011 | Autor: Daniel Koch | in: Rock am Ring 2011
Am zweiten Tag war es vorbei mit dem guten Wetter: Während Chris Martin im Schmetterlingsregen badete, ging kurz darauf die Welt unter. Ben Foitzik hat’s überlebt.
Es musste ja so kommen: Das Opfer an den Wettergott war vergebens, und der zweite Festivaltag wird nach sonnig-mildem Start ein witterungstechnisch bitteres Ende nehmen. Rock am Ring ohne Regen ist und bleibt vermutlich genau so utopisch wie der Weltfrieden. Doch noch ahnt niemand, was an diesem Tag aus den Himmelsschleusen über den Nürburgring hereinbrechen soll – dass sich das Firmament nach dem stimmungsvollen Ash-Gig langsam zuzieht, wird daher angesichts der erdrückenden Hitze des Vortags eher in der Kategorie „angenehm“ verbucht.
Gegen 18 Uhr entern die britischen Überflieger Hurts die Hauptbühne, die mit ihrem Debütalbum „Happiness“ vergangenes Jahr auf Anhieb Platz 2 der deutschen Albumcharts erstürmen konnten. Dementsprechend erwartungsvoll harrt die Menge ihrem Auftritt entgegen und wird letztlich auch nicht enttäuscht: In elegantes Schwarze gewandet, legt das Synthie-Pop-Duo eine klanglich wie optisch ansprechende Performance hin, die durch zwei fahnenschwenkende Ladys an den beiden Bühnenflanken aufgepeppt wird. „Don’t let go, never give up – it’s such a wonderful life“ singt Theo Hutchcraft in den wolkenverhangenen Himmel – und viele Hurts-Fans tun es ihm gleich. Ein prickelnder Moment.
Wem es danach nach etwas Abwechslung gelüstet, der marschiert zur gegenüberliegenden Bühne und sieht dort mit den britischen Metalcore-Vertretern Bring Me The Horizon eine der besten Bands ihres Genres, die die Menge in absoluten Ausnahmezustand versetzt: Reihenweise spuckt der tobende Mob (analog zur Schleimauswurffrequenz von Sänger Oli Sykes) Crowdsufer aus, die der Security ein anstrengendes Stündchen bescheren. Überhaupt hat man als Ordner vor der „Alternastage“ heute sicher nicht das leichteste Los gezogen – schließlich sollen noch die schwedischen Melodic-Metal-Urgesteine In Flames und die US-Abrissbirnen Disturbed und Korn folgen. Was für ein Kontrastprogramm zum soften Centerstage-Finale mit Söhne Mannheims und Coldplay!
Eigentlich will das deutsche Soul-Pop-Konglomerat zu einem Festival wie Rock am Ring nicht so recht passen, doch Xavier Naidoo und Co. scheinen auch hier erstaunlich viele Fans zu haben: Als sie um 21 Uhr die Bühne betreten, ist das Areal prall gefüllt, und die Menschenmassen tanzen und singen von Anfang an ausgelassen mit. Ob sie nun auf ein Festival mit „Rock“ im Namen gehören oder nicht (deutet man den Publikumszuspruch, gehören wie wohl hierher) – mit professioneller Show und perfektem Sound erweisen sich die Söhne Mannheims als eines Co-Headliners absolut würdig. Zwar ist die plakative Weltverbesserungskeule der Marke „Wir müssen was verändern, sonst verändert sich nichts“ auf Dauer etwas ermüdend, doch das gehört bei dieser Band wohl einfach dazu. Ironischerweise beginnt während der Show der bunten Crew, die eigentlich einen guten Draht haben sollte, der Himmel zu weinen – ein kleiner Vorgeschmack auf die Sintflut, die noch folgen wird. Unbestätigten Berichten zufolge haben Naidoo und der Rest der Truppe das Gelände schließlich auf einer Arche verlassen.
Während in der Ferne Disturbed das Gelände in Schutt und Asche legen und zur Zerreißprobe für die Security werden, gibt es auf der Hauptbühne endlich das, worauf viele an diesem Tag hingefiebert haben – zumal der Headliner vom Vortag, Kings Of Leon, ziemlich einschläfernd war. Doch Coldplay beweisen, dass sie trotz ihres ruhigen Songmaterials vom Entertainmentfaktor her in einer eigenen Liga, vielleicht sogar auf einem anderen Planeten spielen: Als Chris Martin und Co. die Bühne betreten, schaukelt sich die Stimmung der gut und gerne 50.000 versammelten Seelen in ekstatische Höhen – auch wenn es sich mittlerweile gut eingeregnet hat. Doch bei einer derart gigantischen Licht- und Lasershow und grandiosen Songs wie „Yellow“ und „In My Place“ gerät selbst das zur absoluten Nebensache. Tapfer harrt die mit bunten Regencapes durchzogene Masse aus und begleitet Song um Song mit frenetischem Jubel. Aus aktuellem Anlass geben die bestens aufgelegten Herren auf der Bühne eine „Singing In The Rain“-Version zum Besten und spielen weiter mit unbändiger Leidenschaft einen Hit nach dem anderen („Viva La Vida“!) – am Ende des regulären Sets werden sie dafür mit einem derart gellenden Jubelsturm bedacht, dass einem die Ohren schlackern. Natürlich gibt’s eine Zugabe, bei der die Lasershow noch überwältigender wird, während im Hintergrund der Bühne grelle Blitze über den Himmel reißen und unerbittlicher Platzregen auf die unbeirrt weiterfeiernden Menschen niederprasselt. Irgendwann weiß man gar nicht mehr, welche Lichtshow von Coldplay und welche vom grummelnden Himmelszelt kommt. Doch dann ist auch die magische Coldplay-Performance vorbei, die Masse zerstreut sich binnen Sekunden in alle Winde und nur ein paar standhafte Regenanbeter packen den Seifenspender aus und holen die überfällige Dusche nach. Wer ganz hart ist (und das sind unglaublich viele), gibt sich jetzt noch Korn und danach das Late Night Special von Rob Zombie, der um mittlerweile 1:30 Uhr allerdings vor ziemlich ausgedünnter Kulisse spielt und auch schon nach 50 Minuten wieder von der Bühne geht. Schade für die, die tapfer bis zum Ende ausgehalten haben.
Ben Foitzik
Tags: Coldplay · Rob Zombie · Rock am Ring
Rock am Ring Daily: Katerstimmung
05.06.2011 | Autor: Daniel Koch | in: Rock am Ring 2011
Am Vormittag des zweiten Tages herrschte Katerstimmung auf dem Nürburgring. Unser Autor Ben Foitzik streifte bzw. hetzte wieder durch den Tag, um möglichst jeden (wichtigen) Act einmal gesehen zu haben.
Katerstimmung liegt über dem Nürburgring. Die Folgen des anstrengenden Auftakttages stehen den meisten, die sich schon „in aller Früh“ (i.e. 14 Uhr) aufs Festivalgelände schleppen, deutlich ins Gesicht geschrieben. Erst mal langsam wieder warm werden, so die Devise der größtenteils puterrot gebackenen Ring-Gemeinde. Wie gut, dass die Dresdner [pi !], die um 14 Uhr den musikalischen Reigen eröffnen, einen stimmungsvollen Gig vorlegen und die verkaterte Gruppe vor der „Alternastage“ langsam aus dem Dämmerzustand rockt. Derweil flanieren andere gemütlich über die Ring-Meile oder sonnen sich gemütlich auf dem warmen Beton.
Auch auf der Centerstage geht es mit den Briten Morning Parade eher gemächlich in den Tag – die Morgenparade erfüllt aber absolut ihren Zweck und bringt die Haarzellen mit feinen Indie-Rock-Nummern in Gang. Wer es etwas härter mag, geht zurück zur „Alternastage“ und sieht mit zu, wie es das deutsche Metalcore-Schlachtschiff Caliban fertigbringt, die Sanitäter schon um 15 Uhr in Alarmbereitschaft zu versetzen: Einige Opfer ihrer „Wall Of Death“ werden aus dem Graben getragen und müssen behandelt werden.
Danach kommt die erste Überraschung des Tages: Die Dänen Kellermensch fallen nicht nur durch ihren skurrilen Namen auf, sondern wissen auch musikalisch zu begeistern. Mit einer avantgardistischen Mischung aus Rock und Metal erspielen sie sich heute mit Sicherheit einige neue Fans. Mental note: Album checken! Doch jetzt kommt das Billing langsam ins Rollen – Ash versammeln auf der Centerstage jede Menge Indie-Rock-Connaisseure und sorgen mit wundervollen Nummern wie „Shining Light“ für gute Laune pur. Die Sonne allerdings will nicht mehr richtig scheinen und verkriecht sich hinter einem fluffigen Knäuel aufziehender Wolken. Noch sehen diese nicht sonderlich bedrohlich aus, doch einen zweiten Sonnenbrand wird es heute wohl nicht mehr geben – andererseits auch keinen Sonnenstich, insofern ist noch alles im grünen Bereich. Die Vorfreude auf die Highlights des zweiten Festivaltags indes steigt stetig: Hurts laden auf der Centerstage zum Synthie-Pop-Stelldichein, auf der „Alternastage“ gibt es Deftiges von In Flames, Disturbed und Korn und als prädestiniertes Highlight stehen Coldplay in den Startlöchern. Und natürlich das Late Night Special von Rob Zombie. Wir opfern dem Wettergott unsere Sonnencreme, auf dass er uns verschonen möge!
Ben Foitzik
Tags: Rock am Ring 2011
Rock am Ring 2011: Tag 1. Der Segen des Wettergottes
04.06.2011 | Autor: Daniel Koch | in: Rock am Ring 2011
Unser Autor Ben Foitzik hat den ersten Tag am Rock am Ring sonnenbrandfrei überstanden und musste sich manches Mal förmlich zerreißen, um alles zu sehen, was er sehen wollte. Die Headliner auf dem Foto (Kings Of Leon) wirkten am Ende des Tages ein wenig statisch. Hier der Nachbericht des ersten Tages:
Durch malerische Landschaften, bunte Zeltstädte und pilgernde Menschenmassen hindurch schlängelt sich die Autokarawane Richtung Nürburgring: Das Rock am Ring ruft, und abertausende Musikfreunde aus aller Herren europäischer Länder sind gekommen, um ein gigantisches Spektakel im Namen der Musik zu feiern. Der Wettergott meint es gut in diesem Jahr: Die angenehme Junisonne brennt vom Himmel herab und taucht den von saftigem Grün umgebenen Betonring in eine wohlig-warme Atmosphäre.
Während viele noch mit der Anreise beschäftigt sind, setzen Robert Francis, Plain White T’s und The Pretty Reckless erste Akzente und wärmen die beiden Hauptbühnen für Madsen und The Gaslight Anthem, die Könige des Gutelaune-Rocks, auf, die leider zeitgleich zu Werke gehen und somit vor eine erste unangenehme Entscheidung stellen. New Jerseys legitime Erben von „The Boss“ sollen es sein – denn wer könnte einen herrlichen Vorsommernachmittag wohl besser musikalisch untermalen als die vier US-Rocker, die längst Stammgäste sind bei den deutschen Festivals und sich im Billing Jahr für Jahr weiter nach oben spielen? Auch wenn sie auf der ganz großen Bühne vielleicht ein bisschen verloren wirken – mit Smash-Hits wie „Great Expectations“ oder „The 59 Sound“ verwandeln sie das Publikum bei sengendem Sonnenschein in ein Meer der Glückseligkeit. Stimmungstechnisch hat Rock am Ring 2011 nun endgültig begonnen.
Durch krebsrote Leiber und einige schon jetzt bierselig grölende Musik-Touristen kämpft man sich danach zur gegenüberliegenden Bühne, um wenigstens ein bisschen vom Selig-Auftritt mitzubekommen, bevor die legendären Social Distortion die Bühne von The Gaslight Anthem übernehmen. Bei den Hamburger Deutschrock-Urgesteinen herrscht wie erwartet ebenfalls prächtige Stimmung, und das obligatorische „Sie hat geschrien“ fegt wie eine nostalgische Brise über den Platz. „1995 haben wir den Song schon mal hier gespielt“, erinnert sich Jan Plewka – und einige erinnern sich tatsächlich noch mit ihm. Doch auf der Gegengeraden ölen Social Distortion schon ihre Saiten und versorgen das Publikum mit Punkrock der alten Schule, mit dem sie gefühlt allerdings nicht ganz so abräumen wie die Jungspunde von The Gaslight Anthem. Eher höflicher Applaus schlägt Mike Ness und Co. entgegen, und seine kaum verständlichen Nuschelansagen tragen kaum zur Stimmungssteigerung bei. Erst gegen Ende, als der „Ring Of Fire“ brennt, springt der Funke richtig über.
Langsam verkriecht sich die Sonne am Horizont – die Schatten werden länger und das Gedränge nimmt proportional zum Blutalkoholspiegel zu. Man quetscht sich an Menschen mit blauen Gangzkörperspandexanzügen, skurrilen Tigerfellbademänteln und schwarzen Latexmasken vorbei und fragt sich, ob es diesen wohl um die Musik gehen mag oder das Rock am Ring in diesem Fall nur als Party-Vehikel dient. Wem es tatsächlich um Musik geht, der muss um 21:30 Uhr erneut eine harte Entscheidung treffen: Zeitgleich gehen Mando Diao und Wolfmother auf die Hauptbühnen – wer beide sehen will, muss sich Wohl oder Übel zerreißen. Tut man dieses, sieht man einen halben Mando-Diao-Akustik-Gig inklusive Orchester, der wieder Erwarten nicht minder mitreißend ist als ihre regulären Konzerte und frenetisch vom mittlerweile das gesamt Gelände säumenden Publikum gefeiert wird. Gegenüber stoßen Wolfmother einmal mehr in eine andere Dimension vor und bieten mit ihren mörderisch guten Riffs den explosiven Gegenpol zu den akustischen Schweden: Die Bühne bebt, die Massen springen, nicht wenige Anwesende erleben ihren besten Gig des Tages.
Daran können im Anschluss auch Kings Of Leon nicht mehr viel ändern, die die Massen vor die Centerstage ziehen und Interpol auf der „Alternastage“ nicht mehr viele Hörer übrig lassen. Der Auftritt der US-Indierock-Überflieger (was für ein Widerspruch!) ist gewohnt gemächlich und löst außer frenetischem Kreischen nur wenig Publikumsreaktion aus. Klar, bei „Sex On Fire“ explodiert die Menge, doch irgendwie passiert auf und vor der Bühne nicht sonderlich viel bei diesem ersten Headliner des Festivals. Apropos nichts passieren: Vor quälend leeren Rängen muss zum Abschluss des Abends Rock-Ikone Danzig spielen, während im Hintergrund die Massen Richtung Ausgang pilgern oder die phantastischen Sound- und Lichtspielereien des kanadischen DJs Deadmau5 bestaunen. Schade, denn der gute Glenn holt noch mal alles aus seinem Körper heraus und zaubert so manch Alteingesessenem zum Feierabend ein wohliges Lächeln aufs Gesicht. 2:30 Uhr – bis morgen!
Ben Foitzik
Tags: Danzig · Deadmau5 · Kings Of Leon · Rock am Ring 2011 · Social Distortion · The Gaslight Anthem
Rock am Ring 2011: Hier finden Sie unsere Tagesberichte
03.06.2011 | Autor: Daniel Koch | in: Rock am Ring 2011
Sie erkennen diese Herren sicher: Die Kings Of Leon werden heute Abend als Headliner die Hauptbühne des Rock am Ring betreten. In unserem Blog finden Sie ab sofort täglich Live-Berichte vom Rock am Ring – dem größten Festival Deutschland. Für uns vor Ort ist unser Autor Ben Foitzik.
Tags: Kings Of Leon · Rock am Ring 2011









