Die Einträge der Rubrik: 'Roskilde'
Roskilde Daily: Lasst es uns „Festival-Blues“ nennen. So war der Sonntag
04.07.2011 | Autor: Daniel Koch | in: Roskilde
Der letzte Tag des Roskilde macht momentan durch einen tragischen Unfall Schlagzeilen. Wer vor Ort war, bekam den vermeintlichen Selbstmord zunächst nur als Gerücht mit. Daniel Koch über den letzten Konzerttag des diesjährigen Roskilde.
Während die Fähre sanft durch die graue Nacht gleitet und endlich den Rostocker Hafen erreicht, macht das Roskilde 2011 bereits auch in Deutschland Schlagzeilen. Leider nicht, weil es mal wieder ein gelungenes Festivalwochenende war, sondern weil es von einem tragischen Unfall überschattet wird: Eine junge Frau, vermutlich aus dem Berliner Raum, stürzte am Sonntag um 14.33 Uhr nackt von einer Seilbahn, die Festivalsponsor Tuborg auf einem Campingplatz des Roskilde installiert hatte. Während die einen also noch vor Ort sind, die anderen auf dem Heimweg, diskutiert man in den Medien und auf der Roskilde-Facebook-Page, wie es denn sein kann, dass eine Nackte überhaupt auf diesen Turm durfte, ob es stimme, dass nur Freiwillige die relevanten Sicherheits-Checks machen, ob jemand betrunken ist – und natürlich ob und wie die Frau alkoholische oder andere Drogen zu sich genommen hat.
Für die letzte der genannten Fragen, gibt es bekanntlich die Obduktion – und die sollte man fairerweise abwarten. Dass Jemand auf dem Roskilde nackt über das Gelände streift, ist dort eher auch normal – wie man ja schon an der Existenz des Naked Run sieht. Und die Checks der Freiwilligen? Nun ja – man darf hoffen, dass dieses Thema nicht überkocht. Wie ja schon im Blog vom Donnerstag beschrieben, übernehmen die sogenannten Volunteers dort eben auch Aufgaben, die hierzulande an Security-Firmen ausgelagert werden. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die Volunteers auf dem Roskilde im Vorfeld für ihr Aufgabengebiet geschult und während der Arbeit natürlich auch von Profis überwacht werden.
Es fällt schwer, jetzt noch über die Musik des letzten Tages zu sprechen. Den hippiesken Hach-ist-das-alles-schön-und-entspannt-hier-Tonfall hat einem das natürlich ausgetrieben. Aber abgesehen davon, muss man auch sagen, dass der abschließende Sonntag eher arm an musikalischen Höhepunkten war. Auf der Hauptbühne schleimten sich Bad Religion mit etwas zu heranwanzenden Ansagen an die Dänen, zeigten aber wenigstens eine gute Selbsteinschätzung: “We play another song from the last century. Back in the days when we didn’t suck!” Nun ja – ganz so schlimm ist es nicht, aber nach 30 Jahren Bandbestehen nutzen sie sich dann doch ein wenig ab. Schön, dass noch “Sorrow” funktioniert, oder der ganz frühe Klassiker “No Control”.
Auch My Chemical Romance überzeugen wenig, was aber auch am übersteuerten Gitarrensound liegen könnte oder daran, dass Gerard Way die eigene Wirkung auf das Publikum überschätzt und seine Anfeuerungen zum Mitsingen in den sonnenverbrannten ersten Reihen ein wenig untergeht. Anders bei L.O.C. – einem Phänomen, das wohl nur in Dänemark funktioniert. Hinter dem Kürzel verbirgt sich der Rapper Liam O’Connor, der auf Dänisch Rap, mit schlimmen Alternative und manchmal ganz ganz schlimmen Depeche Mode-Synthies zusammenbastelt. Dann doch lieber die Kings Of Leon, für die mancher Fan bereits sein den frühen Mittagstunden anstand, um es bei “Sex On Fire” in die erste Reihe zu schaffen. Erkläre mir bitte beizeiten einer, was an dieser statischen Rockband so toll ist. Egal anscheinend – denn gefeiert wurden sie wirklich.
Auch in den Nebenzelten blieb die sonntägliche Ausbeute dürftig, aber vielleicht war man auch einfach nur ein wenig erschöpft und übersättigt von den drei Tagen zuvor. Obwohl – Surfer Blood, die auf ihrem Debüt einen schönen Beach Boys meets Jesus And Mary Chain-Bastard hinlegten, waren wirklich so kraftlos, wie sich so mancher im Publikum fühlte. Wenigstens überzeugten die Battles später am Abend in der Arena und die wunderbaren Screaming Females aus New Jersey, die im kleinsten Zelt – dem Pavillon – vor einer Handvoll an Leuten spielten. Schade, denn die Band um die kleine und laute Marisa Paternoster hat ihre Riot Grrl- und Sonic Youth-Lektionen gelernt und ließen Stimmbänder und Gitarren ganz wunderbar aufjaulen. Die sollte man im Auge behalten…
Aber, wie schon zuvor gestanden: Als wir dann des Nächtens in den vergilbten Sitzen der Fähre saßen und zusahen, wie Rostock im Nebel auf uns zutrieb, da hatte man ihn dann doch ein wenig in den Knochen – den Festivalblues. Und man wusste nicht, ob das jetzt war, weil man nun nicht mehr täglich tolle Konzerte sehen konnte - oder einfach, ob es am Ende dann doch zuviele waren. Aber ich weiß ja, wie das ist: Dieser Blues hält sich ein paar Tage – und dann plant man den Trip für’s nächste Jahr.
Tags: Bad Religion · Kings Of Leon · My Chemical Romance · Roskilde · Screaming Females
Roskilde Daily: Von Mäusen und Menschen. So war der Samstag
03.07.2011 | Autor: Daniel Koch | in: Roskilde
Die Zutaten des gestrigen Festivaltages: 1 rollstuhlfahrender Rapper (Tyler, the Rollator?), 2 rollstuhlschiebende Löwen, 1 Ballertechno spielende Space-Maus, 1 Weltuntergangsgewitter, 1 New Yorker Sonnenbrille…
>>>> Hier gibt’s eine schöne Bildergalerie mit den Bilder des Tages
Wäre schön, wenn das immer so funktioniert: Man ruft den letzten trockenen Tag eines Festivals aus und schon schlägt das Wetter um auf Sonnenschein. Während ich hier jedenfalls gestern im Pressecamp saß und dem Prasseln des Regens lauschte, überlege ich mir nun, wen ich noch auf Sonnenöl anschnorre. So viel zum Befindlichkeits-Teil. Kommen wir zum Musikjournalismus-Part.
Wobei: Da sind die Grenzen ja in den besten Fällen fließend. Man kann ja nicht nur emotionslos und mit Checkliste durch das Line-up hecheln und dann jeden Act des Tages in zwei Sätzen runterrattern. Ein gelungenes Festival lebt ja von den persönlichen Highlights, diesen Festivalszenen und Songs, die einen plötzlich packen. So was ist mir zum Beispiel gestern bei den Strokes passiert – ausgerechnet! Dabei hatte ich gerade wieder über den Herrn Casablancas gelästert, dass er auch bei einem Gig um halb elf abends mit Ganzkörpersonnenbrille auf der Bühne steht. Aber dann waren die Strokes doch dermaßen präzise und mitreißend in der ersten Hälfte ihres Sets, dass ich mich plötzlich Meilen von der Hauptbühne entfernt auf das Treiben hinunterblickend wiederfand und zu „Last Nite“ dermaßen ins Spacken und Tanzen und Singen und Gröhlen geriet, dass mir die abegewichsten Medienprofis neben mir oder die „Ich höre Musik nur zuhause“-Typen wohl Unprofessionalität unterstellen würden. Wie das passieren konnte? Nun ja – die frühen Hits der Strokes können das eben – und dann war da noch dieser wunderbare Anblick vor meinen Augen: Wir standen unterhalb des „Grandstand Track“ am oberen Ende des Hauptbühnen-Areals. Man steht dort auf einer leichten Anhöhe und hat so die ganze Roskilde-Pracht vor seinen Augen. Die eigentümliche Orange Stage, die beiden Leinwände, die Bäume hinter der Stage, die stets hinter der Orange Stage untergehene Sonne (kurz nach dem reinigenden Gewitter besonders schön) und vor allem diese riesige Menschenmasse, die wogt und springt und singt und Fahnen schwenkt. Ich kann diese Perspektive nur empfehlen: Es ist quasi der Feldherrenhügel des Roskilde. Zur Aussicht bekommt man übrigens immer noch die volle Soundwelle ins Gesicht – da können sich andere Großveranstaltungen in Deutschland mal eine Scheibe abschneiden. Von wegen: „Vom Winde verweht“ – hier schafft’s die Musik soweit.
Bis es zu diesem sonnigen Moment kam, musste man sich jedoch zunächst einmal mit den schlammigen Wegen arrangieren, die einem mampfend nach den Schuhen schnappten. Aber selbst ein Sauwetter ist auf dem Roskilde nicht so schlimm, da ja eigentlich nur die Hauptbühne wirklich „Open Air“ zu nennen ist. Auch der explosivste Auftritt des Tages fand in einem Zelt statt – im Cosmopol, das für die elektronischen Klänge reserviert und ist und schon am frühen Nachmittag aus allen Nähten platzte. Schuld war die seltsame Buchstabenkonstellation OFWGKTA, die den Sprung aus dem Internet und über die Stadtgrenzen L.A.s in die Musikwelt ja schon seit einiger Zeit geschafft hat. Odd Future Wolf Gang Kill Them All waren erwartungsgemäß der Aufreger des Tages und selbst, wenn man sie weiterhin grenzwertig findet, versteht man schnell, warum diese durchgedrehten Kiddies so gut funktionieren, wie sie funktionieren. Zum einen ist da das Beat- und Soundrückgrat, das die toughe Syd Tha Kid an den Turntables zu zimmern weiß. Zum anderen ist da die gut gestrickte Kontroverse um die gerappten Gewalt- und Wichsphantasien, die Tyler, the Creator, Hodgy Beats und die übrigen Konsorten von sich geben. Lyrics, bei denen man eben nicht weiß, wie ernst sie gemeint sind. „I fuck a pregnant bitch and tell my friends I had a threesome“ – man glaubt bei diesen Sprüchen fast, da müsse einer Schwanzlängendefizite kompensieren. Live geht diese Ebene schnell verloren, denn das Publikum skandiert kaum mehr als immer wieder „Wolf Gang! Wolf Gang!“-Chöre. Dennoch ist es mitreißend, was die fünf MCs und Syd Tha Kid dort fabrizieren. Hodgy Beats irrlichtert testosteronbefeuert oberkörperfrei über die Bühne und sieht aus, als würde er bald explodieren – und Tyler, the Creator gibt den Leader Of The Pack mit einem lausbübischen Understatement. Was verstärkt wurde durch die Tatsache, dass er den Gig vom Rollstuhl aus spielte, weil er sich wohl das Bein angebrochen hatte. Am besten war er dann zwischen den Songs, zum Beispiel als er in die Menge schaute und bemerkte: „Fuck, you’re even younger then us! I hate this kiddy thing!“ Um dann aber jene Kiddies anzufeuern, den alten Säcken im Hintergrund den Finger zu zeigen. „Show it to the old ass people in the back!“ Überhaupt ist die Improvisation seine Stärke: Als er in der Menge zwei Typen in Löwenkostümen sah, stoppte er den Song nach den ersten Beats und befahl: „I want these two guy up here!“ So entfaltete sich die vielleicht schrägste Bühnenszene des Tages: Ein ins Mic giftender Tyler, der von einem Löwen wir irre über die Bühne geschoben wurde und dabei seine Mähne samt Schnauze zum Wippen brachte. Der Höhepunkt der Show wurde dann allerdings durch die harte Linie der Roskilde-Macher zum Rohrkrepierer. Standesgemäß wollte man das Set mit „Radicals“ beenden und zu den „Kill people! Burn shit! Fuck school!“-Rufen von der Bühne in die Crowd springen. Aber das Roskilde führt bei solchen Dingen seit dem tragischen Unglück im Jahr 2000 beim Pearl Jam-Auftritt eine harte Sicherheitslinie. Dachte man sich anfangs noch: „Lasst die kleinen Jungs der Wolf Gang doch spielen“, zog man in dem Moment den Stecker, in dem Hodgy Beats in die Menge divte. Und dabei blieb’s dann auch: Nach nur einer Minute von „Radicals“ war die Party vorbei, da konnte die Menge noch so buhen. Lediglich für ein paar Abschiedsworte des plötzlich verunsichert grinsenden Tylers wurde das Mic noch einmal angeschaltet.
Ähnlich gefüllt war das Cosmopol dann wenige Stunden später, als James Blake dort die „Limits Of Your Love“ auslotete und wieder durch seinen seltsames Spiel mit grollenden Bässen und wimmerndem Gesang punktete. Da waren TV On The Radio schon schmissiger, die am frühen Abend in der Arena durch Altes und Neues rauschten und es dabei mit den Geschwindigkeitsbegrenzungen ihrer Songs nicht so genau nahmen. „Staring At The Sun“ wurde gar dermaßen beschleunigt, dass man sich fast in einem fremden Song wähnte. Lykee Li verhielt sich an gleicher Stelle als letzter Arena-Act des Tages ähnlich: Wie schon auf dem Hurricane beschwärmt, varrierte sie ihre Songs gekonnt und machte so erneut aus dem meditativen „Sadness Is A Blessing“ einen klöppelnden Percussions-Irrsinn. Ähnlich bezirzend waren zuvor Little Dragon, deren Sängerin Yukimi Nagano schon im letzten Jahr im Tross der Gorillaz auf dem Roskilde war. Wer sie nur von den langsamschönen Gorillaz-Tracks mit ihr kannte, dürfte überrascht gewesen sein, wie dancy Little Dragon live sind.
Zeit zum Feldherrenhügel zurückzukehren: Da standen die letzten Stunden ganz im Zeichen der Maus. Der kanadische DJ und Produzent Joel Thomas Zimmerman alias Deadmau5 besorgte es den rund 40.000 versammelten mit seinen lärmenden Bassmonstern, die man eigentlich nur mit dem Finger in der Luft ertragen kann. Wer nicht in der Stimmung ist, sich Glowstick-schwingend die Seele aus dem Leib zu tanzen und einem leuchtenden Maushelm auf einem mausohrigen Pult zuzujubeln, der hat sicher das Geschehen nach ein paar Songs verlassen. Wobei man dann noch das Problem hatte, dass man weit laufen musste – die Bässe waren dermaßen laut, dass sie einem bis zu den letzten Campingplätzen an den Hacken hingen. Dennoch: Man muss diese Show mal gesehen haben – diese Visualgewitter, diese ebenso kultige wie gruselige Mausästhetik, diese Lautstärke. Schwer das zu beschreiben. Es ist ein wenig, als hätte Micky Maus die Ästhetik der Sportpalastrede aufgegriffen und würde die Crowd nun fragen: „Wollt ihr den totalen Bass?!“ Die meisten wollten ihn…
Tags: Deadmau5 · James Blake · Odd Future · OFWGKTA · Roskilde · Strokes · Tv On The Radio
Roskilde Daily: „It’s wide awake, I’m morning!“ So war der Freitag
02.07.2011 | Autor: Daniel Koch | in: Roskilde
Der vielleicht letzte trockene Tag auf dem Roskilde ist vorbei. Das Fitnessprogramm für den Freitag bestand aus Hitspringen mit den „Beatsticks“, Arschwackeln mit M.I.A., Kopfwippen zu Portishead und Ohrfeigen zu den Swans.
Was ist man doch für ein langweiliger Festivalgänger. Da streift man von Band zu Band, schiebt sich in Zelte, zwängt sich an Wellenbrechern vorbei – aber die wahre Bedeutung und Funktion des Roskilde Festival hat man noch nicht begriffen. Dafür muss man sich erst mit den dänischen Freunden der Freundin unterhalten. So antwortete die Studentin aus Aalborg auf die Frage, wie es sich denn anfühle, wenn man seit Samstag auf dem Gelände ist und nun endlich die Musik losgeht: „Es ist irgendwie traurig. Das heißt ja, dass es bald vorbei ist.“ Und dann erfährt man, wie das Leben von Samstag bis Donnerstag auf dem Roskilde ist. „Man steht auf und trinkt – bis Donnerstag begannen meine Tage mit drei Tequila Shots.“ Später sieht man dann ebenso, wo das hinführt: Eine Kollegin eins dänischen Web-TV-Senders zeigt im ein von ihr gefilmtes Interview mit dem Gewinner des inoffiziellen Nacktbox-Contests. Der funktioniert so, wie er klingt – man boxt mit gut gepolsterten Fake-Box-Handschuhen und trägt – sonst nix. Schön ist das mitunter nicht, aber der Wettkampfgedanke wurde knallhart bis zur Aufgabe durchgezogen. Überhaupt – die Sache mit dem Nacktsein. Das scheint noch aus den Hippie-Anfängen des Roskilde zu stammen. Just in diesem Moment läuft zum Beispiel auf dem Campingplatz G der alljährliche „Naked Run“, von dem es in jedem Jahr ein paar schöne Bilder auf dem Presseserver des Festivals gibt. Wer es dort also in die erste Reihe schafft, hat gute Chancen, in einer Tageszeitung zu landen – und im schlimmsten Fall damit vielleicht in die Morgenzeitung von Oppa. Auch kein Mythos: Die „Mixed Showers“ auf den Campingplätzen. Die gibt es wirklich. Da darf jeder rein, der es naturbelassen mag und sich nicht am kalten Wasser oder am anderen Geschlecht stört. Wobei: Laut Augenzeugenberichten traut man sich dort nur Badesachen rein. So Hippie ist man dann doch nicht mehr…
Aber nun endlich zur Musik: Der Tag startete mit Conor Oberst im Arena Tent, der noch immer mit den Bright Eyes durch die Welt und über die Festivals treibt und seinen eigenen Tritt gefunden zu haben scheint. Ob der gesund und ehrlich ist, sei jedoch mal dahingestellt. Oberst gefällt sich wie schon auf dem Hurricane in seiner neuen Rolle als Schamanen- und Rockstar-Zwitter. Seine, neuerdings feedbackfreudestrahlenden Songs trägt er geradezu beschwörend vor, dazwischen predigt er die Liebe zum anwesenden Publikum, wirft sich in theatralische Bühnenposen und geht gar bei „One For You, One For Me“ auf Tuchfühlung mit der ersten Reihe. Das gefällt nicht jedem, wie man nach dem Gig erfährt: Manch weiblicher Fan mag Conor immer noch als labilen oder betrunkenen Dichter, den man in den Arm nehmen und am Haarschopf kraulen kann. Schade, denn eigentlich ist es eine Freude, Conor Oberst mit seiner aktuellen Band zu sehen und zu hören. Auch, wenn es die Momente, wo man sich um seine Verfassung sorgt, noch immer gibt. Zum Beispiel, wenn er – wie bei fast jedem der letzten Konzerte – sagt, dass er ja gerne noch die übrigen Bands sehen wollen würde, vor allem „my bad-ass homie Kurt Vile“, aber es ja immer weiter und weiter gehen müsse auf diese Tour. Die Darbietung des wie immer grandiosen „Road To Joy“ war dann geradezu exemplarisch: So verhaspelte Oberst den Text und sang den schönen Dreher: „It’s wide awake, I’m morning“, bevor er dann ganz neu ansetzen musste und den Song in einer verbissenen Leidenschaft zum Ende brachte. „Let’s fuck it up, kids! Make some noise!“ Ob sich Bright Eyes mit dieser Tour auf der „Road To Joy“ befinden, bleibt also eine offene Frage. Das Publikum zeigte sich dennoch euphorisiert und schickte die Bright Eyes mit lautem Jubel hinter die Bühne. Man traute kaum seinen Ohren und Augen, dass es da gerade mal kurz nach drei war.
Die Moderatorin der Arena Stage kündigte nach dem obligatorischen Outro von „One For You, One For Me“ sofort den neuesten Act an und freute sich, die „Beatsticks“ aus Berlin begrüßen zu dürfen. Es scheint sich auch bis nach Dänemark herumgesprochen zu haben, dass diese Band über hochgelobte Live-Qualitäten verfügt – selbst, wenn es noch mit der Aussprache hapert. Dass auch eher in Deutschland bekannte Bands auf dem Roskilde spielen hat übrigens Tradition: So spielten vor zwei Jahren Deichkind einen umfeierten nächtlichen Gig, während im letzten Jahr Bonaparte mit einem zwar gut verkleideten Auftritt aber mit dröger Performance zeigten, dass ihr Erfolg an unseren Landesgrenzen endet. Während Deichkind und Bonaparte jedoch lediglich spät nachts auf der kleinen Odeon-Stage spielen durften, mussten die „Beatsticks“ das 17.000 Menschen fassende Arena Tent zur besten Nachmittagszeit füllen. Das mag zwar nicht gelungen sein – das Zelt war maximal zwei Drittel voll – dennoch gewannen Arnim und Co. nach anfänglicher Nervosität selbst die zahlreichen Dänen im Publikum für sich. Startend mit „Summer“ legten die Beatsteaks ein Greatest Hits-Set vor. „Hello Joe“ zum Ende, die Coverversion „Hey Du“ („This is for the Germans in the crowd!“) und natürlich „I Don’t Care As Long As You Sing“. Arnim und vor allem dem ja auch gelegentlich singenden Gitarrist Peter Baumann konnte man bei den ersten Songs und Ansagen geradezu ansehen, wie sie versuchten, ihr Englisch auch ja so zu betonen, dass es nicht wie „finest school English“ klingt. Als sie dann aber lockerer wurden und gelegentlich drauf pfiffen, punkteten sie „big time“: Arnim Teutoburg-Weiß sprang in die Menge, gab den Bühnenflitzer, sang von Monitorboxen und Absperrungszäunen und warf volle Wasserbecher in die Menge. Als man die Meute dann mit „Hello Joe“ aus dem Zelt schickte, hatte man auch bei den Herren auf der Bühne das Gefühl, sie hätten gerade den Gig ihres Lebens.
Zwei starke Gigs als Start in den Tag also – da sollte man es dann ein wenig gemächlicher angehen. Zum Beispiel, in dem man sich auf den Rasen vor die Orange Stage setzte und den Raveonettes lauschte. Die haben zwar noch immer das Problem, dass sie zu sehr auf ihren Trademark-Sound setzen und das Boy-Meets-Girl-und-beide-brennen-Jesus-and-Mary-Chain-hörend-miteinander-durch-Ding irgendwann noch mal in das Grab reiten, das sie auf ihrem letzten Album „Raven In The Grave“ besingen – dennoch funktionieren sie bei flackender Bühnenbeleuchtung auch im Tageslicht. Wenn die beiden Schönheiten Sharin Foo und Sune Rose Wagner zusammen vom „Attack Of The Ghost Riders“ singen, kann man auch mal aufstehen. Kontrastreich ging es auf der Orange Stage dann weiter: Mastodon erfreuten groß, laut, bäuchig und bärtig mit ihren epischen, gebrüllten Mehrminütern die Prog- und Death-Metal-Fraktion gleichermaßen, bevor dann um halb elf Portishead antraten, um ungefähr ihr Set vom Hurricane / Southside noch einmal nach Dänemark zu bringen. Auch hier wieder diese tiefen Bässe, Schlafzimmerbeats, Beth Gibbons im verträumten Singsang – und all das in bewährter Schwarzweißästhetik. Dem setzte dann der nächtliche Headliner M.I.A. bunte, animierte Krishna-Propaganda-Videos als Intro entgegen – bevor Mathangi „Maya“ Arulpragasam und ihre überwiegend weiblichen Mitmusiker zum Multikulti-Agitprop-Pop-Kommando samt Bootyshakin’ Beats mutierten. Wirkte alles recht sportlich – allerdings auch ein wenig fahrig abgeliefert – vor allem, wenn M.I.A. wieder mal mit dem Holzhammer Gesellschaftskritik übte, und ihre eigenen Paparazzi-Meute auf die Bühne holte, während sie ihr Celebrity-Leid klagte.
Schöner ging es zuvor bei Destroyer zu, der im kleinen Odeon-Zelt genauso „Kaputt“ wirkte, wie sein Album heißt. Musikalisch regiert bei ihm auch live momentan der saxophonverschmierte Kitsch – was zwar schön klingt, aber auf Konzertlänge ein wenig ermüdet. Dann schon lieber die komplette Verstörung der Swans, bei denen man sich kaum zu klatschen traute. Vor allem dann nicht, wenn Michael Gira in die Menge starrt, „Get out!“ ruft, die Arme schüttelt und sich immer wieder selbst ohrfeigt. Das waren dann auch die Bilder und die Klänge, die man im Ohr hatte, während draußen die Welt unterging und man versuchte, zum Sound des Dauerregens Schlaf zu finden.
Ob das Roskilde heute absäuft, oder ob Acts wie Odd Future, The Strokes und Little Dragon ein wenig Wärme spenden, lesen Sie hoffentlich morgen.
Tags: Beatsteaks · Bright Eyes · M.I.A. · Mastodon · Portishead · Roskilde · Swans · The Raveonettes
Roskilde Daily: Freiwillige vor! So war der Donnerstag
01.07.2011 | Autor: Daniel Koch | in: Roskilde
Am gestrigen Donnerstag startete der erste eigentliche Festivaltag des diesjährigen Roskilde. Daniel Koch ist vor Ort, ließ sich von der Atmosphäre dieses Festivals (wieder-) beleben, von PJ Harvey verzaubern und von Iron Maiden verbrüdern.
Der Tag beginnt um kurz vor vier. Das Wetter ist soeben umgekippt, auf der Fähre von Rostock nach Gedser regnet es, der Himmel über Dänemark sieht aus, als hätte ihn Albert Speer zu verantworten. Als man dann endlich Roskilde erreicht, sieht man die strahlend-roten Gesichter all jener, die schon seit Samstag oder Sonntag die Campingplätze mit Leben füllen. Der Wind weht einem durch die feuchte Jacke, das frühe Aufstehen steckt einem in den Knochen, und man fragt sich kurz, warum man den SCHON WIEDER auf einem Festival steht. Genau die Frage also, die ich immer verlache, wenn meine Kollegen sie immer wieder stellen – mit Vorliebe dann, wenn sie meinen gepackten Rucksack sehen.
Aber in genau diesen schwachen Momenten bekommt man ein Auge für das Besondere an einem Festival wie Roskilde. Denn es ist nicht bloß eine weitere Station in diesem Sommer. Schon die offiziellen Zahlen, die vor der ersten Band des Tages auf der Hauptbühne verlesen werden, machen das deutlich: 75.000 zahlende Gäste gibt es – und 25.000 Freiwillige. Der Gewinn des Fesitvals wird zudem gespendet. In diesem Jahr hat man sich den großen Problemen Obdachlosigkeit und Armut im Allgemeinen auf die Agenda gesetzt, und unterstützt – sehr transparent – NGOs und andere Hilfsorganisationen.
Was hier ein wenig nach gelebtem Gutmenschentum klingt, ist aber entscheidend für diese so besondere Stimmung auf dem Festival. Man muss das vielleicht noch einmal unterstreichen: Hier gibt es keine knurrigen Hochwichtigkeits-Securitys mit zweifelhaften Tätowierungen – hier wird man von 20 bis 35jährigen jungen Menschen begrüßt, mit Wasser versorgt oder eben auch mal kontrolliert. Allein dieser Punkt trägt entscheidend zur Atmosphäre bei, da sich das übliche DIE gegen WIR, das sich auf Großveranstaltungen ja schnell ergibt, wenn es irgendwo hakt, hier nicht so explizit zu geben scheint. Man trifft auf seinesgleichen, man sieht sofort, dass es den Volunteers nicht gefällt, einen auf die Regeln aufmerksam zu machen – und man will auch den Organisatoren nix Böses, weil man eben nicht so sehr das Gefühl hat, die Melkkuh einer Großveranstaltung zu sein, sondern ein Gast mit guter Gesinnung – der sich zwar auch Zerfeiern und Bands Befeiern will, dabei aber immerhin auch noch einer Guten Sache dient.
In diesem Jahr kann man zudem wieder erkennen, mit welcher Ruhe und mit welchem Witz Probleme des Vorjahrs einfach bewältigt werden. Ein schönes Beispiel: Zwischen der Odeon-Stage und dem Hauptareal mit der großen Orange Stage steht ein kleiner Wald – wenn man die 13 Bäume so nennen kann. Klar, was dort im letzten Jahr passierte: Jeder pinkelte an die armen Dinger – völlig egal, ob da nun jemand zuschaute oder nicht. Die Lösung: In diesem Jahr hängt an jedem Baum ein Plastikurinal mit Spülung, die durch eine Schlauchkonstruktion ablaufen kann.
Musikalisch ging es am ersten Tag noch nicht so prallgepackt los, wie an den weiteren dreien. Die Hauptbühne wurde erst um 18 Uhr eröffnet – in diesem Jahr von den dänischen Veto. Musikalisch bewegen die sich im Spannungsfeld zwischen Interpol, Placebo und Depeche Mode, was in einigen Songs durchaus gelingt – aber nicht wirklich auf diese große Bühne passt. Troels Abrahamsen singt bärbeißig ins Mikrofon, Mads Hasager verausgabt sich schwitzend an den Drums, während die übrigen Mitglieder die Synthesizer und Gitarren bearbeiten, aber nur einen Soundmatsch produzieren, der ähnlich sympathisch wie die grauen Wolken über die schon recht stattliche Publikumsmasse weht. Anyway – der Heimspielbonus und der vorherrschende Bock auf den ersten Hauptact gewinnen am Ende. Im Zelt der Odeon-Bühne spielten derweil Tame Impala – die, so Dänemarks größte Tageszeitung, auftraten wie „schläfrige, zahnlose Antilopen“. Sehr poetisch.
Das musikalische Highlight, wenn auch in einem Achtmaster-Zelt auf einem Großfestival etwas ungewohnt, war PJ Harvey, die weiß gewandet, wie einem Märchen entsprungen, die Bühne betrat, um mit ihrer grandiosen Band im Rücken und meistens ihrem neuen Lieblingsinstrument – der Zither – vor dem Bauch noch einmal zu zeigen, dass ihr aktuelles Album „Let England Shake“ nicht weniger als ein Meisterwerk ist. Eine Meinung, die auch die 17.000 im Arena-Zelt teilen – und dies in einer Lautstärke kundtun, die ebenfalls belegt, dass manches Festival gegenüber dem Roskilde einpacken kann. Der werden gar einzelne Instrumentalparts bejubelt und dramatische, sperrige Songs wie „Let England Shake“ oder „The Words That Maketh Murder“ mit einer Jubelwelle belohnt, die so manchen Stadionchor übertrifft.
Das Kontrastprogramm auf der Orange Stage: Iron Maiden. Alten Helden, die generationenübergreifend funktionieren. Dennoch: Ohne den Bühnenbombast, den sie bei ihren Stadienshows aufbringen, wirkt ihr perfekt gespielter Metal für alle, die nicht mit ihnen sozialisiert wurden auf Dauer ermüdend, selbst wenn Bruce Dickinson und Dave Murray Virtuosen in ihrem Fach sind. Der Stimmung tut’s keinen Abbruch, denn die Eddie-Jünger samt Nachfahren sind eindeutig in der Überzahl. Von der Ferne betrachtet, muss man dann also doch zugestehen, dass diese Herren für einen großen Abend sorgen – das Fahnenmeer vor ihnen, die geballten Fäuste, die mitgegröhlten Refrains beweisen das. „We’re like brothers!“ Ein schönes Motto für dieses Festival, selbst, wenn es von einer Metalband stammt, die hier böserweise die Schwestern vergisst…
Tags: Festival · Iron Maiden · PJ Harvey · Roskilde · Veto
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