Die Einträge der Rubrik: 'Unterwegs'
Ein Besuch auf den Indie Pop Days in Berlin
30.08.2011 | Autor: Daniel Koch | in: Unterwegs
Es müssen ja nicht immer die riesigen Konzerte und die Monsterfestivals sein: Christoph Dorner und Daniel Koch fühlten sich am vergangenen Wochenende an selige Jugendzentrumszeiten erinnert – und das mitten im hippen Kreuzberg. Ein Besuch auf den kleinfeinen Indiepopdays, wo nicht etwa die Telekom oder andere Sponsoren über der Bühne hängen, sondern selbst gebastelte, mit der Hand ausgeschnittene Schriftzüge.
Genau so war’s wohl erdacht: Keine drei Minuten braucht es, um sich als einer dieser einstmals zugereisten Studenten, Twens oder Thirty-Somethings bei den Berliner “Indie Pop Days” heimisch zu fühlen. Beim Betreten des Wasserturms Kreuzberg im mit frischem Geld geadelten Bergmannkiez flackern in diesem Moment längst verblasste Bilder einer Szenezugehörigkeit aus alten Tagen auf, als man noch in Nürnberg, Darmstadt oder Münster regelmäßig mit ein paar Gleichgesinnten auf Konzerten herumgestanden hatte. In Berlin kommen solche Erinnerungen höchst selten noch einmal hoch. Gut, es gibt noch solch familiäre Nischenorte wie den wehrhaften Schokoladen in Mitte und das etwas hippere Nbi in Prenzlauer Berg, wo die übliche Fallhöhe zwischen Musikern und Publikum weitgehend aufgehoben ist. Doch sonst ist durch die Diversität des Ausgehbetriebs und das Mitschwimmen in der Berliner Multioptionsgesellschaft viel vom alten Independent-Feeling verschüttet gegangen. Dem muss man aber auch nicht künstlich hinterherweinen, wenn man keine Zeit findet, sich persönlich einzubringen.
Jedenfalls betritt man am letzten, leider ziemlich verregneten Augustwochenende den Kreuzberger Wasserturm, sonst ein buntes, aber ziemlich unrockiges Jugend- und Kulturzentrum, schreitet an den liebevollen Szene-Devotionalien (Stofftaschen, Badges, eigenveröffentlichte Vinyl-Singles) vorbei und steht alsbald im säulenhohen Hauptraum des Wasserturms, der von der installierten Lichtorgel nur leidlich ausgeleuchtet wird. Ehemalige Landeier haben da sofort die Assoziation: Was für eine schöne JUZ-Atmosphäre! 16 größtenteils internationale, unentdeckte Bands stehen hier an drei Tagen auf der Bühne. Über ihr hängt eine gebastelte Girlande mit der Aufschrift „Indie Pop Days“.
Das Line-up, das sich unter den von Hand ausgeschnittenen Buchstaben tummelte, verzichtete erwartungsgemäß auf den neuesten Hot Shit, der in den Redaktionen der Topcheckermagazin bereits aufgeköchelt wird. Stattdessen gibt es erstmal schwere Kost, bzw. die Berliner Band Der Elegante Rest, die der noch herrschenden Sommerhitze Zeilen über den “Winter über Dresden” entgegensetzt, der grau über die Felder rollt. Dennoch: Wie sich die vier Herren selbstbewusst zwischen frühe Tocotronic, mittlere Erdmöbel und späte Fink setzen, das kann sich schon hören lassen. Wir freuen uns auf den Moment, wenn sie dann bald auf der Bühne das Verkrampfte ablegen. Es folgten Momente der Besinnung und der stillen Bewunderung, die dem zerzausten Mark Woodpigeon zuteil wurde, der lediglich eine Samplingmaschine, eine geborgte Akustikgitarre, zwei Mikrofone und einen hinter dem Ohr steckenden Filzschreiber brauchte, um seinen Abend zu bestreiten. Ein wenig beliebig wurde es dann bei den allerdings formidabel benannten Television Keeps Us Apart, die wirkten, wie eine Horde junger, schwedischer Touristen, die aus Versehen in eine Indieband geraten waren. Darren Hanlon klampfte den ersten Abend der Indie Pop Days schließlich amüsant bis melancholisch nach Hause und zeigte sich als Songwriter mit vereinzelten, kleinen Formschwächen. Gar nicht so sehr in seinem charmanten Vortrag sondern eher in seinen Songwriting, das zwischen pointiert genialen, kleinen Hits wie “Punk’s Not Dead” (das er auf ausdrücklichen Wunsch der Veranstalter spielte bzw. spielen musste) und etwas zerfaserten Wortmonstern changiert, die dann doch gelegentlich ermüden. Bis dann wieder so ein verdammter Ohrwurm wie “Electric Skeleton” daher kommt.
Etwas unglücklich über den gebastelten Schriftzug über der Bühne zeigt sich am Samstag einzig der Drummer der Band Young Wrists, weil sie ihm bei seinem Schlagzeugspiel im Stehen direkt vor der Nase hängt. Mit süßlich-verzerrten Songs wie dem richtungsweisenden “July 1986″ stand das Trio aus Italien durchaus exemplarisch für die musikalische Erinnerungskultur, die die Organisatoren der “Indie Pop Days” ohne einen Profitgedanken hochleben lassen: Es geht um das Genre Indie-Pop in seiner Urdefinition, um den hemmungslos romantisch verklärten, schrammeligen C86-Sound. Um das gemeinsame, erlebende Hören der Platten von The Smiths, Teenage Fanclub oder The Jesus & Mary Chain, denen sich die Young Wrists besonders zugeneigt fühlen. Und nicht zuletzt um Freundschaft via Musik, wovon viele der Anwesenden sicherlich ausschweifend berichten könnten. Auch die Patchwork-Band Clay Hips erzählt eine solche Geschichte: Vor Jahren haben die beiden Songschreiber Andrew Leavitt und Kenji Kitahama als The Fairways in den USA und Japan getourt. Danach verzogen beide an unterschiedliche Orte in Europa, die Band wurde zu einem der vielen “Best Kept Secrets” des Indie-Pop. Als Clay Hips haben Leavitt und Kitahama wunderbare, neue Songs geschrieben, sie klangen im Verbund mit zwei befreundeten Musikern nach feinfühligem, sommerlichem Twee Pop. Von dessen umarmender Schönheit (mit oder ohne die Surf-Gitarren und der Prise Folk, die andere Bands bei den „Indie Pop Days“ benötigen) erfährt man heute abseits der Blogosphäre eigentlich nur noch, wenn unsperrige Bands wie Belle And Sebastian oder jüngst The Pains Of Being Pure At Heart richtig populär werden. Dabei sind selbst den Wave Pictures aus den englischen Midlands trotz hochgelobter Alben wie zuletzt „Beer In The Breakers“ bisher größere Erfolge verwehrt geblieben. Vielleicht, weil sie abseits der umwerfenden Melodien auch zu versponnenem Stückwerk neigen. Sie sind der Headliner am Samstagabend und zaubern den knapp 200 Anwesenden – darunter Veranstalter, Bands, Freunde, eine Familie eben – ein Lächeln aufs Gesicht. Man kann für solche Momentaufnahmen gar nicht dankbar genug sein und trauerte ein wenig über die Tatsache, dass man es aus Krankeitsgründen nicht auch noch am Sonntag zum letzten Abend mit z. B. Wake The President und Soda Fountain Rag schaffte.
Text: Christoph Dorner, Daniel Koch
Tags: Darren Hanlon · Indie Pop Days · Woodpigeon
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