Die Einträge der Rubrik: 'Jeder stirbt für sich alleine'
Bringing It All Back Home
10.03.2011 | Autor: maikbrueggemeyer | in: Allgemein, Literatur
Gestern im Maxim-Gorki-Theater: Premiere von Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“. Klar, den Roman gibt’s schon seit über 60 Jahren. Und er galt – wenn man Experten glauben darf – nicht gerade als der größte Wurf des Autors, der mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen hieß und kurz vor der Veröffentlichung des Buches 1947 starb.
Im Ausland sah man das aber wohl ein bisschen anders – in den letzten Jahren entwickelte sich der Roman überraschenderweise zum Bestseller. Zunächst unter dem Titel „Seul Dans Berlin“ in Frankreich, dann in England, wo von „Alone in Berlin“ über 300.000 Exemplare verkauft wurden, schließlich auch in den USA und Israel. Primo Levi nannte „Jeder stirbt für sich allein“ sogar „Das beste Buch, das je über den deutschen Widerstand geschrieben wurde“. Die deutschen Rechte am Roman liegen beim Aufbau Verlag, und dort war man natürlich hocherfreut über diese Entwicklungen. Man schaute noch mal ins Archiv, fand das Original-Typoskript, verglich es mit der veröffentlichten Fassung und stellte fest, dass es da einige beträchtliche Abweichungen gab.
Johannes R. Becher, Dichter, Mitbegründer des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands und späterer DDR-Kulturminister, hatte Fallada den Stoff kurz nach dem Zweiten Weltkrieg quasi aufgedrängt. Er ließ ihm eine Gestapo-Akte über ein Ehepaar aus Berlin bringen – Otto und Elise Hampel. Die beiden hatten zwischen 1940 und 1942 Postkarten und Handzettel verteilt, auf denen sie zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus und zur Behinderung der Kriegsplanungen aufgerufen hatten. Eine in ihrer Wirkungslosigkeit absurd-komische Aktion, die ihnen schließlich den Tod im NS-Strafgefängnis Plötzensee brachte (heute, in Zeiten von Facebook ist eine virale Guerilla-Taktik wie diese – siehe Nordafrika – natürlich eine extrem wirkungsvolle Methode des Widerstands). Fallada nahm sich zunächst widerwillig des Stoffes an, wurde aber schließlich so in ihn hineingezogen, dass er die über 650 Seiten innerhalb von vier Wochen runterschrieb und dann – mit ersten Korrekturen – diktierte.
Der Autor hatte die Quangels – so heißen die Hampels in seinem Roman – nicht als unbelastete Menschen darstellen wollen, sondern als Mitläufer, die sich nach und nach befreien. Doch das wollte man in Zeiten der Entnazifizierung nicht lesen. Lektor Paul Wiegler griff ein und strich mehrere Passagen (darunter ein ganzes Kapitel), die das Ehepaar in weniger gutem Licht darstellten. So gesehen ist die Vorstellung des Original-Textes von „Jeder stirbt für sich allein“, der nun im Aufbau Verlag erscheint, nicht nur eine echte Buchpremiere, sondern das, was man vermutlich eine literarische Sensation nennt.
Ich bin erst auf Seite 250 oder so, aber Falladas rauschhaftes, assoziativ zwischen den vielen Figuren des Romans hin- und herspringendes Schreiben hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Vielleicht hilft es da auch, dass der Handlungsort (die Quangels wohnen in der Jablonskistraße 55) nur zwei Straßen von meiner Wohnung entfernt liegt. Jedenfalls ist „Jeder stirbt für sich allein“ eine packende Geschichtsstunde, ein spannender, tragikomischer Thriller, eine Lehrstunde des Erzählens und ein echter Page-Turner.
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